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Dalambert SeeDalembert, Louis-Philippe: Jenseits der See
[Roman]. A. dem Franz. von Peter Trier.
Kehl: litradukt, 2014. 2., überarbeitete Aufl., 145 S., br., 12,90 €.
O: L'autre face de la mer.
978-3-940435-15-6

Der Vorspann dieses kleinen Romans verweist bereits auf das große Thema: „Dann gab es all diese Abreisen und all diese Loslösungen: diejenigen, die gegangen und diejenigen, die geblieben sind ...". Und wenn Grannie sich an ihre Kindheit als 8jährige erinnert, und damit beginnt die Geschichte, dann war es vor allem das verbotene Weglaufen von Zuhause hinunter zum Hafen. Nichts faszinierte sie mehr als das Ein- und Auslaufen der großen Schiffe, und dafür nahm sie auch die regelmäßige Tracht Prügel von ihrer Mutter in Kauf. Ihr Vater beschließt plötzlich eines Tages, sich in dem anderen Land jenseits der Berge Arbeit zu suchen und die achtköpfige Familie wandert aus. Schon nach kurzer Zeit vertreibt sie ein blutiges Progrom wieder zurück in ihren Heimatort. Grannie erlebt das Weggehen ihrer Kinder und nur so ganz nebenbei erwähnt sie lakonisch ihre zwei Ehen, ein Konkubinat und die darauf folgenden drei Beerdigungen. Und wenn wieder einer aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis auswandert, bemerkt sie nur verzweifelt: „Warum sagt ihnen niemand, dass sie dort drüben [Jenseits der See] nichts finden werden, nicht einmal das Echo ihrer Träume?"
Im zweiten Abschnitt berichtet der Erzähler von einigen Episoden die Jonas, der Enkel von Grannie, in der Stadt erlebt. Die Schilderung eines brutalen Lynchmordes, dessen Zeuge er wird, gehört zu den eindrucksvollsten Abschnitten des Romans.
Im letzten Teil erzählt der 15jährige Jonas von seiner ersten Liebe zu Maïte. Auch sie verläßt eines Tages die Insel und als dann die alte Grannie stirbt, steht Entschluß des Enkels fest: „indem er seine
sterbende Heimatstadt ... ihren zerlumpten Bettlern, ihrer arroganten Bourgeoisie ... überließ, hoffte er, anderswo einem neuen Leben zu begegnen. Jenseits der See."
In einem separaten Erzählstrang wird der Transport der Sklaven von der Küste Afrikas bis in die Karibik angedeutet – in einer sehr poetischen, ohne Punkt und Komma dahinfließenden Sprache.
In dem Roman werden weder Orte, noch historische Ereignisse, noch Personen beim Klarnamen genannt; dennoch wird aus vielen beschriebenen Geschehnissen deutlich, daß die Geschichte auf Haïti angesiedelt ist. Aber diese Geschichte von Abschied, Exil und Flucht könnte sich auch auf einer der anderen Insel in der Karibik abgespielt haben.
Klaus Küpper, BzL

Der Autor:

DalembertLouis-Philippe Dalembert wurde am 8.12.1962 in Port-au-Prince, Haiti, geboren. Nach einer journalistischen Ausbildung und einem Literaturstudium in Haiti schloss er sein Studium in Paris ab. Nach Stationen in Nancy, Rom, Jerusalem und Kinshasa lebt Dalembert heute in Paris und Port-au-Prince. Im deutschsprachigen Raum war er zweimal als Gastprofessor tätig, an der Universität Bern 2015 und in Berlin an der FU 2018/2019. Für seine Romane, Kurzgeschichten und Gedichtbände erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Übersetzt erschienen bisher vier Romane: „Die Insel am Ende der Träume" (L’île du bout des rêves), „Gottes Bleistift hat keinen Radiergummi" (Le crayon du bon Dieu n’a pas de gomme), „Jenseits der See“ (L'autre face de la mer) und „Die Götter reisen in der Nacht“ (Les dieux voyagent la nuit). „Die blaue Mauer“ war nominiert für den Prix Goncourt 2019, erhielt den Prix de la Langue française 2019 und den Choix polonais, Liste Goncourt 2019.
(Photo: © Gisèle Pinaud)

Titel:
Die Götter reisen in der Nacht
Jenseits der See

Die blaue Mauer

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