Strausfeld, Michi: Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren

Strausfeld SchmetterlingeStrausfeld, Michi: Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren
Eine Literaturgeschichte Lateinamerikas
Frankfurt a. M.: S. Fischer, 2019. 568 S., geb., 26,00 €.
978-3-10-397474-4

Schon das für den Schutzumschlag verwendete Foto ist wie eine Einführung in ein beherrschendes Thema dieser spannenden Darstellung der lateinamerikanischen Literatur: einer Phalanx von Stalagmiten gleich, stehen da die von Rulfo photographierten Stangenkakteen seiner mexikanischen Heimat und erinnern wie eine steingewordene Wand aus emporgeschossener Lava an eines der Grundübel der lateinamerikanischen Geschichte: an die Conquitatoren, mit denen alles begann, an die Diktatoren und Caudillos und die scheinbar allmächtigen Chefs der Drogenkartelle  von heute.
„Die Literatur erzählt eine Geschichte, die die von den Historikern geschriebene Geschichte nicht zu erzählen weiß und erzählen kann.“ (Vargas Llosa)
Aus dieser Erkenntnis heraus folgt die Arbeit von Strausfeld nicht einer chronologischen Ordnung nach den Erscheinungsdaten der literarischen Werke oder nach Literaturepochen oder Nationalliteraturen oder gar einer alphabetischen Gliederung, sondern entlang der historischen Entwicklung des Kontinents, wie sie sich in den literarischen Werken wiederspiegelt – als Ergebnis haben wir also fast eine Kulturgeschichte. Zitiert werden dabei vor allem die Romane, aber auch Essays und Gedichte. Die Autorin bedauert selbst, dass in ihrer Arbeit dabei sowohl die Lyrik als auch die von ihr hochgeschätzten Kurzgeschichten und das Theater sowie Genres wie SF, Graphic Novel und Thriller wegen des großen Umfangs nicht adäquat, bzw. überhaupt nicht behandeln konnte.
Die in 16 Kapitel (oder „Schneisen“, wie die Autorin sie nennt) gegliederte Arbeit beginnt mit der „Entdeckung“, der Conquista und der Suche nach dem sagenhaften El Dorado. Es folgen die Kolonialzeit und Unabhängigkeitskämpfe sowie die Zeit der Caudillos. Die mexikanische Revolution, die Suche nach einer gemeinsamen Identität, gesondert auch noch einmal darstellt am schwarzen Erbe in Brasilien und in der Karibik, sowie die Entdeckung der faszinierenden Natur des Kontinents behandeln die weiteren Kapitel. Daran anschließend werden die Ereignissen und Entwicklungen thematisiert, deren Auswirkungen bis in die heutige Zeit reichen und von teilweise beunruhigender Aktualität sind: Revolutionen (u.a. in Kuba), die Diktatoren, die „mythologischen Monster“ (García Márquez), Guerillakriege, Militärdiktaturen und Bürgerkriege in Mittelamerika und die Situation in Mexiko nach 1968.
Die Arbeit von Strausfeld bietet nicht, wie es vielleicht angesichts der Fülle der historischen Ereignisse aus mehr als 500 Jahren naheliegen würde, eine Aufzählung von gängigen historischen Romanen, sondern folgt der Aussage von u.a. Carlos Fuentes, der von der Kunst der Literatur behauptet, dass sie die Wahrheit aus den Lügen der Geschichte zutage fördert. Die Darstellung der Literatur, die mit ihrer Kunst Zeugnis ablegt, Verdecktes und Verstecktes erst sichtbar macht, die Beschreibung der einzelnen Werke und die vielen Zitate daraus, bilden das informative und spannend zu lesende Rückgrat der Arbeit. Eine sehr persönliche Note erhält das Werk im übrigen durch die vielen Begegnungen, Gespräche und Interviews von Strausfeld mit den zahlreichen Autorinnen und Autoren (von Alejo Carpentier bis Julio Cortázar und von Isabel Allende bis Elena Poniatowska) – um nur einige der insgesamt 16 Namen zu erwähnen, die sie im Laufe ihrer Arbeit kennenlernte und die sie uns Leserinnen und Lesern in lebendigen Porträts vorstellt.
„Ich bin davon überzeugt, dass die Literatur Lateinamerikas uns das Denken und Fühlen, die Kultur und Geschichte des Kontinents näherbringt, sie ist ein vortreffliches Instrument für ein besseres Verständnis“, schreibt die Autorin in ihrer Einleitung und beschreibt damit auch die Quintessenz ihres über 40 Jahre dauernden Engagements. Viele Leserinnen und Leser werden diese Aussage bestätigen und sich bei der Beschreibung der erwähnten Werke und den ausgewählten Zitaten wieder an ihre Leselust bei manchen Werken erinnern. Und sie werden neugierig werden auf die vielen noch unübersetzten Werke, die hier im Laufe der Darstellung erwähnt sind (ein im übrigen riesiger Fundus und eine Anregung für Übersetzerinnen und Übersetzer und Mutmacher für manchen Verlag).
Und wo ist das schon sprichwörtliche „wunderbar Wirklichliche“ (Carpentier), wo sind die gelben Schmetterlinge, fragen die Leserinnen und Leser nachdem sie noch einmal den Schutzumschlag betrachtet haben? Sie haben sich versteckt vor den Monstern aber sind u. a. sichtbar in der fantastischen Natur und der Schönheit des Kontinents, wie sie von vielen Autoren beschrieben und in der Poesie eines Pablo Neruda und Octavio Paz besungen werden; sie sind das immer wiederkehrende Sinnbild für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Das Buch entält eine ausführliche Bibliographie aller erwähnten Texte sowie ein Autorenregister. Es bietet eine Fülle von Anregungen zum Wiederlesen und macht neugierig auf die noch ungekannten und unübersetzten Texte.
Klaus Küpper, Bücher zu Lateinamerika

Michi Strausfeld, geboren 1945 in Recklinghausen, studierte Romanistik, Anglistik und Hispanistik und hat sich als Literaturvermittlerin, Lektorin, Herausgeberin und Übersetzerin seit den frühen 1970er Jahren für die lateinamerikanische Literatur eingesetzt. 2012 wurde sie zu einer der »50 wichtigsten Persönlichkeiten des kulturellen Lebens Lateinamerikas« von der Buchmesse Buenos Aires gewählt. Sie lebt in Berlin und Barcelona.

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