Belli, Gioconda: Als die Bäume davonflogen

Belli Baeume4Belli, Gioconda: Als die Bäume davonflogen
KJL. Bilder von Barbara Steinitz.
Aus dem Spanischen von Catalina Rojas Hauser
Wuppertal: Peter Hammer Verlag, 2017. [21] S., geb., 28 x 24 cm, 15,90 €.
978-3-7795-0565-5

Pablo, der aufgrund seines Herzproblems nicht wie andere Kinder herumtoben kann, fühlt eine tiefe Verbundenheit mit den Bäumen vor seinem Haus. Vom Fenster seines Zimmers aus verbringt er viel Zeit damit, sie zu beobachten: er betrachtet die Bäume als seine Freunde und hat ihnen sogar Namen gegeben. So kommt es, dass Pablo eines Tages miterlebt, wie etwas Unfassbares geschieht: Ein Baum nach dem anderen löst seine Wurzeln aus der Erde und fliegt davon, federleicht, als seien sie Vögel. Pablo, der seine Freunde bittet zu bleiben, erhält von einem Busch vor seinem Fenster die Erklärung für dieses ungewöhnliche Verhalten: Um der Zerstörung durch Rodung und schädliche Umwelteinflüsse auf der Erde zu entgehen, haben die Bäume beschlossen, nach einer neuen Heimat zu suchen. Bald schon wird klar, dass in aller Welt dasselbe vor sich geht: Der Wald ist verschwunden und mit ihm die Tiere. Die Farbe Grün existiert nur noch in der Erinnerung. Zurück bleiben Sand, Staub, karger Erdboden und das Entsetzen und die Traurigkeit der Menschen. Die Rettung in letzter Sekunde ist Pablo zu verdanken, der als einziger zu verstehen scheint, warum die Bäume die Erde verlassen haben: Seine Tränen, Ausdruck seiner Wertschätzung, bewegen die Bäume schließlich dazu, zur Erde zurückzukehren.
Auf surreale Weise zeigt diese Geschichte eine brisante Realität auf: die Zukunft der Erde, wenn ihre Bewohner nicht beginnen, den Schutz der Natur und insbesondere der Wälder unmittelbar Ernst zu nehmen. Durch die sehr emotionale Darstellung von empfindsamen und sprechenden Bäumen, die ihre Wurzeln zusammenpacken und die Erde endgültig verlassen, trifft die Erkenntnis der Dringlichkeit der eigentlichen Botschaft hinter Bellis Phantasieszenario den Leser beinahe unerwartet, dafür aber umso ernüchternder: „... damit niemand vergisst, dass die Bäume unseren Schutz und unsere Zuneigung brauchen.“
Vervollständigt wird die Geschichte durch Bilder, die die Schönheit der Natur vor Augen führen. Durch das Spiel von Licht und Schatten der Illustrationen wirkt die Komposition aus Text und Bildern wie ein Traum. Wurzeln, Äste und Blätter werden zu einem auf allen Seiten wiederkehrenden Element. Sogar in der Schattenzeichnung von Pedro, in der sein Herz durchscheint, sind sie in Form von wurzelähnlichen Adern wiederzuerkennen und veranschaulichen die Aussage des Bilderbuchs: Bäume bedeuten Leben, ebenso wie ein schlagendes Herz. Und ganz nebenbei zeigt die Erzählung auch, dass Wurzeln – oder ein Herzproblem – den Inhaber nicht davon abhalten müssen zu fliegen, zu leben; davon, Außergewöhnliches zu erreichen, so wie Pablo, der ein großer Wissenschaftler wird und Bücher schreibt.
Johanna Klute, BzL

Barbara Steinitz, geboren 1978 in Freiburg im Breisgau, studierte Kommunikationsdesign und Illustration in Saarbrücken und Barcelona. Nach dem Diplom führte sie ein Volontariat nach Granada/Nicaragua, wo sie am Kunsthaus Casa de los Tres Mundos als Leiterin von Kunstkursen begann, sich intensiv mit dem Figurentheater zu beschäftigen. Dort lernte sie die Autorin Gioconda Belli kennen, für die sie nach „Die Blume und der Baum“ nun auch das hier besprochene Bilderbuch illustrierte. Sie arbeitet als Illustratorin, Autorin und Figurenspielerin für diverse Verlage und Theaterprojekte. Barbara Steinitz, die für ihre Arbeiten mehrfach ausgezeichnet wurde, lebt in Berlin.

Catalina Rojas Hauser studierte Hispanistik, Germanistik und Komparatistik in Bonn. Nach längeren Aufenthalten in Spanien und Chile ist sie als Literaturübersetzerin aus dem Spanischen und Autorin für den WDR-Hörfunk tätig. Parallel arbeitet sie als Tanzpädagogin mit dem Schwerpunkt Kindertanz/Tanz in Schulen.

Die Autorin:

Gioconda Belli 2013 Suyen TorresGioconda Belli wurde am 9. Dezember 1948 in Managua geboren.
Der bürgerlichen Oberschicht entstammend, konnte sie in Spanien und den USA studieren. Sie schloß sich nach ihrer Rückkehr im Jahre 1970 den Sandinisten an und mußte nach einer Guerilla-Aktion nach Mexiko und Costarica ins Exil gehen. Nach dem Sieg der Sandinistas (1979) arbeitete sie in verschiedenen kulturpolitischen Ämtern der Revolutionsregierung. Enttäuscht über die Politik der der Sandinisten brach sie Anfang der 90er Jahre mit der Bewegung, die sie in ihren Gedichten oft besungen hatte. Zahlreiche Gedichtbände und Romane sind ins Deutsche übersetzt worden und erlebten mehrere Auflagen (siehe dazu: Bücher zu Lateinamerika, Gesamtverzeichnis 2002/03ff.).
(Foto: Suyen Torres © bei der Autorin)

Titel:

Ich bin wie ein weites Land
Als die Bäume davonflogen
Mondhitze
Die Frau, die ich bin
Davor, die Jugend / En la avanzada juventud
Die Republik der Frauen
Tochter des Vulkans
Ich bin Sehnsucht, verkleidet als Frau
Unendlichkeit in ihrer Hand
Bewohnte Frau


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