Onetti, Juan Carlos: GW, Bd. I. Der Schacht. Niemandsland. Für diese Nacht.

Onetti Bd.1Onetti, Juan Carlos: GW, Bd. I. Der Schacht. Niemandsland. Für diese Nacht
[Romane] Herausgegeben von Jürgen Dormagen und Gerhard Poppenberg.
Aus dem Spanischen von Svenja Becker, Jürgen Dormagen und Sabine Giersberg.
Vorwort von Daniel Kehlmann. Nachwort von Gerhard Poppenberg.
Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2009. Gesammelte Werke, Bd. I. 607 S., Ln., SU, 34,00 €.
O: El pozo. Montevideo 1939. | Tierra de nadie. Buenos Aires 1941; neu aufgelegt 1965 in Montevideo. | Para este noche. Buenos Aires 1943; Neuauflage 1966 in Montevideo.
978-3-518-42094-2

Bei dem Roman „Der Schacht“, übersetzt von Jürgen Dormagen, handelt es sich um die Aufzeichnungen eines fast 40jährigen Mannes, der in einer schwülen Nacht in seinem stickigen Zimmer hockt und Bruchstücke seiner Erinnerungen und Reflexionen niederschreibt. Das eindrucksvolles Werk (eine erste Fassung entstand 1930 in Buenos Aires) wurde erst 1939 veröffentlicht und widerspiegelt die Grundbefindlichkeit von Ekel, Langeweile und Gleichgültigkeit, in der sich auch die Intellektuellen am Vorabend des Kriegsausbruchs am Rio de la Plata befanden. Die deutsche Übersetzung von 1989 wurde vom Übersetzer und Herausgeber neu durchgesehen und an einigen Stellen auf Basis der inzwischen vorliegenden Textausgaben inhaltlich geändert.
Zu seinem Roman „Niemandsland“, im Rahmen der Werkausgebe erstmals übersetzt von Sabine Giersberg, erklärte Onetti: „Ich male eine Gruppe von Leuten, die, auch wenn sie in Buenos Aires exotisch erscheinen mögen, tatsächlich einer Generation repräsentieren; eine Generation, die meiner Einschätzung nach die europäische Nachkriegsgeneration mit zwanzigjähriger Verspätung nachbildet. Die alten moralischen Werte hat sie aufgegeben, und noch sind keine anderen aufgetaucht, die sie ersetzen könnten.“ Er ist der Auffassung, so Onetti weiter, dass in Südamerika „Menschen ohne Glauben oder Interesse an seinem Schicksal“ heranwachsen. (Zitiert im Nachwort, S. 519) Der Roman spielt in Buenos Aires vor dem Hintergrund des Faschismus in Europa und des Kriegsausbruchs. Die handelnden Personen mit ihren Wünschen und Lebenslügen gehören zu einer lose verbundenen Gemeinschaft mit ihren wechselnden Beziehungen. Es treten auf: ein unter seiner mangelnden Kreativität leidender Maler, ein früherer Anwalt, der ein Verhältnis mit mehreren jungen Mädchen unterhält und allmählich zum Zuhälter wird, ein gescheiterter Schriftsteller, der sich schließlich umbringt, eine Prostituierte (die Frau mit dem gelben Haar), ein Anarchist, ein Vogelpräparator und nicht zuletzt Larsen, der Protagnonist einiger späterer Romane Onettis, der hier offenbar am Beginn seiner Karriere als Zuhälter steht.
Die im Anhang befindliche Aufzählung der Hauptpersonen ist als „Hilfe für den Leser gedacht, um sich in diesem nicht ohne Grund ‚Niemandsland’ genannten Roman leichter zurechtzufinden“.
Onettis Anregung zu dem Roman „Für diese Nacht“, übersetzt von Svenja Becker, stammt von Augenzeugen, die ihm von der Situation im eingeschlossenen Valencia am Ende des Spanischen Bürgerkriegs berichteten. Von den geschlagenen Bürgerkriegskämpfern der Republik erhielten nur Kommunisten den rettenden Passierschein.
Barcala und Ossorio, die beiden Hauptpersonen des Roman sind bei ihrer Flucht auf der Suche nach rettenden Schiffspassage, die sie aus der vom Bürgerkrieg bedrohten Hafenstadt bringen soll. Die dramatischen Ereignisse konzentrieren sich auf die wenigen verbleibenden Stunden einer Nacht, im Morgengrauen wird das Fluchtschiff auslaufen. Vor dem Hintergrund einer politischen Auseinandersetzung, die aber nicht klar benannt wird und damit das Unheimliche der Situation verstärkt, sieht Ossorio sich gezwungen, seinen alten, angeblich abtrünnig gewordenen Genossen zu verraten und damit seinen Mördern auszuliefern. Aber er weiß, dass ihn dieser Verrat nicht retten wird. Die spannende Schilderung der ausweglosen Situation in jener Nacht zieht die Leser in ihren Bann und lässt sie bis zum bitteren Ende nicht mehr los. (Der Roman wurde zweimal verfilmt)
Außer dem unentbehrlichen, für den Einstieg in den Kosmos von Onetti wertvollen Nachwort von Gerhard Poppenberg ist der beigefügte Anmerkungsapparat hilfreich, der sich bewußt auf “wesentliche und spezifisch lateinamerikanische Sachverhalte und auf einige wenige Verweise auf parallele Teststellen im Werk Onettis“ beschränkt. Eine Auswahl von Literaturhinweisen und eine Zeittafel zu Leben und Werk von Onetti runden den empfehlenswerten Band ab.
Klaus Küpper, BzL

Svenja Becker wurde am 1.2.1967 in Kusel geboren. Sie ist Steinmetzin und studierte Volkswirtschaft und spanische Sprach- und Literaturwissenschaft. Mittlerweile arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin aus dem Spanischen und hat u. a. Werke von Isabel Allende, Gabriel García Márquez, Carla Guelfenbein, Hernán Rivera Letelier, Fernando Vallejo und Juan Carlos Onetti übersetzt. Svenja Becker lebt und arbeitet in Saarbrücken.
Jürgen Dormagen arbeitete von 1984 bis zur seiner Pensionierung 2011 als Lektor im Suhrkamp Verlag, Er war dort zuständig für den Bereich der spanischen und lateinamerikanischen Literatur. Außerdem leitete er Seminare für den Deutschen Übersetzerfond. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit der „Übersetzerbarke“ des Verbandes deutschsprachiger Übersetzer. Zusammen mit Gerhard Poppenberg war er verantwortlich für er die gerade fertiggestellte Werkausgabe von Juan Carlos Onetti.
Sabine Giersberg, geboren 1964 in Bonn, studierte nach dem Übersetzerdiplom Hispanistik und Lusitanistik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Seit 1999 ist sie als freie Übersetzerin aus dem Spanischen und Portugiesischen tätig. Sie lebt bei Heidelberg.
Gerhard Poppenberg hat Philosophie, Religionswissenschaft, Romanistik, Germanistik und Literaturwissenschaft an der FU Berlin studiert. Er arbeitete zunächst als Autor für Rundfunk und Presse sowie als Übersetzer für verschiedene Verlage. Nach seiner Habilitation an der FU Berlin und verschiedenen Tätigkeiten an diversen Hochschulen ist er seit seit 2002 Lehrstuhlinhaber für Romanistik an der Ruprecht Karls-Universität Heidelberg. Seit 2005 arbeitet er gemeinsam mit Jürgen Dormagen an der Herausgabe der Gesammelte Werke von Juan Carlos Onetti.

Der Autor:

 
OnettiJC c SVJuan Carlos Onetti wurde am 1. Juli 1909 in Montevideo geboren.
Er arbeitete in seiner Jugend zunächst als Kellner, Portier und Verkäufer. Anfang der 30er Jahre lebte er zeitweise in Buenos Aires, später erneut von 1941 bis 1955. 1957 wurde er Direktor der Städtischen Bibliotheken von Montevideo, erhielt 1974 den Nationalpreis für Literatur und lebte seit 1975 im Exil in Madrid.
Seine Bedeutung als einer der größten Prosaautoren Lateinamerikas wurde relativ spät erkannt. Für Carlos Fuentes ist sein Werk das „Fundament der lateinamerikanischen Moderne". Viele seiner Bücher liegen mittlerweile übersetzt vor, sie sind besprochen in: BzL 2002/03 und den drei folgenden Verzeichnissen der Neuerscheinungen.
Dem Suhrkamp-Verlag ist es zu verdanken, daß jetzt eine weltweit erste Onetti-Werkausgabe erscheint und die Übersetzungen dabei neu durchgesehen, gründlich revidiert und um bisher Unveröffentlichtes ergänzt werden.
Juan Carlos Onetti starb am 30.5.1994 in Madrid.
(Foto: © Suhrkamp Verlag)

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