[Argentinien] Viseneber, Karolin: Poetiken des Verschwindens

Viseneber Poetiken
Viseneber, Karolin: Poetiken des Verschwindens
Zeitgenössische argentinische Romane über die Militärdiktatur 1976-1983
Würzburg: Königshausen u. Neumann, 2014. 272 S., br., 39,80 €.
978-3-8260-5317-7

Wie lässt sich Verschwinden erzählen? Die argentinische Literatur der Gegenwart bietet auf diese Frage vielfältige Antwortmöglichkeiten. In der Auseinandersetzung mit dem Verschwinden tausender Menschen während der letzten argentinischen Militärdiktatur (1976–1983) zeigt sich die Kernproblematik des Erinnerns: die Präsenz der Abwesenheit. Erinnern ist ein permanenter Kommunikationsprozess über Vergangenes, durch den sich das kulturelle Selbstverständnis einer Gesellschaft offenbart. Dieser umkämpfte Raum der Erinnerung wird durch eine Vielzahl von Akteuren aus unterschiedlichen Bereichen mitgestaltet, wie etwa Politik, Kultur, Wissenschaft oder Menschenrechtsorganisationen.
Die Studie "Poetiken des Verschwindens" untersucht die aktuelle Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Verschwindens und stellt die Frage nach seiner Darstellbarkeit. Anhand ausgewählter zeitgenössischer Romane wird die Herausforderung einer Erinnerung des Verschwindens im Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit und Sagbarkeit aufgezeigt. So entstehen neue Einsichten über die Formen der Verknüpfung von Erinnerung, Politik und Literatur.
(Verlagsinformation)

Im Rahmen der sehr informativen (hier leicht veränderten) Dissertation behandelt die Autorin ein Reihe von Werken, die bereits übersetzt vorliegen und damit auch dem deutschsprachigen Lesepublikum leichter zugänglich sind. Es sind dies: "Zweimal Juni" von Martín Kohan, "Kamtchatka" von Marcelo Figueras, "Wir haben uns geirrt" von Martín Caparrós und "Purgartorio" von Tomás Eloy Martínez.
 
Inhalt
1 Einleitung: Das Verschwinden erzählen
1.1 Die Figur des Verschwundenen als Projektionsfläche
1.2 Politik (mit) der Erinnerung
2 Vergangenheitspolitik(-en) in Argentinien
2.1 Argentinien als Labor? Von der Militärdiktatur zur Krise 2001
2.2 Umkämpfte Erinnerungen
2.3 Einschreiben von Abwesenheit(-en)
2.4 Inszenierung von Erinnerung im öffentlichen Raum
3 Die Szenografie der Diktatur
3.1 Responsivität als poetisches Modell? Die Zeitlichkeit des Verschwindens
3.2 Post-Poetiken: Zeitgenössische Narrative des Verschwindens
3.3 „Icono de la verdad"? Die Gattung des testimonio
3.4 Schreiben nach der Militärdiktatur
4 Produktion des Verschwindens
4.1 Diskursordnung der Militärdiktatur: Dos veces junio von Martin Kohan
4.1.1 Gesten des Widerstands
4.1.2 Inszenierte (trans-)nationale Geschichte
4.1.3 Lager und Folter - Entmenschlichung der Gefangenen
4.1.4 Sexuelle Gewalt - Körper als Objekt
4.2 Atmosphäre der Angst: Pequenos hombres blancos von Patricia Ratto
4.2.1 Schein und Sein - ein kontrollierbares Leben?
4.2.2 (Un-)Sichtbarkeiten und (Un-)Sagbarkeiten
4.2.3 Latente Gewalt und Suspendierung der Ordnung
4.3 Eine Geschichte der Präsenz: Kamcbatka von Marcelo Figueras
4.3.1 Vermittler einer anderen Optik
4.3.2 Ambivalenz von Raum und Zeit
4.3.3 Die Quinta: Raum des (Uber-) Lebens und des Verschwindens
5 Präsenz des Verschwindens
5.1 Jenseits der Ideologien: A quien corresponda von Martin Caparrós
5.1.1 Erinnern - Vergessen - Verdrängen
5.1.2 La vida como fracaso
5.1.3 Die Akteure der Postdiktatur: Weder Freund noch Feind
5.1.3.1 Juanjo und die Präsenz der Verschwundenen
5.1.3.2 Estela als Projektionsfläche des Verschwindens
5.1.3.3 Valeria und die Generation Post
5.1.3.4 Die andere Seite? Ehemalige Angehörige der Diktatur
5.1.4 Zur-Sprache-Bringen des Grauens
5.1.5 Schuld und Sühne - Potentialität der Rache
5.1.6 Opferdiskurs und Heldenmythos
5.2 Ein Roman des Verschwindens: Purgatorio von Tomas Eloy Martfnez
5.2.1 Simon: Mosaik der Erinnerung
5.2.2 Schreiben des Vergangenen? Die Figur des Schriftstellers
5.2.3 Dupuy: Die personifizierte Diktatur
5.2.4 Die Diktatur als Geschichte der Sieger erinnern
5.2.5 Das System der Sichtbarkeiten: Lo que no se ve no existe
6 Poetiken des Verschwindens - eine Zusammenfassung