[Rosa, Guimarães] Chiappini, Ligia, Vejmelka, Marcel (Hrsg.): Welt des Sertão / Sertão der Welt

Chiappini SertaoChiappini, Ligia, Vejmelka, Marcel (Hrsg.): Welt des Sertão / Sertão der Welt
Erkundungen im Werk João Guimarães Rosas.
Berlin: Ed. tranvía, 2007. Tranvía Sur, Bd. 17. 176 S., br., 17,80 €.
978-3-938944-14-1

Gerade rechtzeitig zum 100. Geburtstag von João Guimarães Rosa erschien dieser kleine Band mit „Erkundungen" zu seinem Werk. Der berühmte brasilianische Autor, einer der wichtigsten Schriftsteller Lateinamerikas, wurde am 27.6.1908 in Cordisburgo/Minas Gerais geboren; er starb am 19.11.1967 in Rio de Janeiro. Guimarães Rosa studierte Medizin und praktizierte als Landarzt im Sertão. 1937 erfolgte der Eintritt in den diplomatischen Dienst. In seiner Eigenschaft als Vize-Konsul in Hamburg hat er während des Faschismus in Deutschland vielen verfolgten Juden durch ein brasilianisches Visa die Ausreise ermöglicht und ihnen damit das Leben gerettet. Als Romancier und Erzähler hat Rosa die brasilianische Literatur und vor allem auch die brasilianisch-portugiesische Sprache gründlich revolutioniert. Rosa hat für seine Werke ein neues Idiom geschaffen, eine Mischung aus Dialekt, fremdsprachigen Wortbildungen, Archetypen u.a.m., eine Tatsache, die den Übersetzer vor schier unüberwindbare Probleme gestellt hat (Der Übersetzer Curt Meyer-Clason hat davon öfter ausführlich berichtet). Es gelingt jedoch rasch, sich in diese ungewöhnliche Sprache einzulesen und von ihr fesseln zu lassen.
Die hier vorliegende Aufsatz-Anthologie enthält Beiträge einer Tagung, die anläßlich des fünfzigsten Geburtstages des Erscheinens von Grande sertão: veredas im Oktober 2006 im Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin stattfand. Mit dem Sertão, der Welt Guimarães Rosas, beschäftigen sich mehrere Beiträge. Sie untersuchen die Landschaft, die Menschen in diesem Landstrich und ihre Darstellung im Werk des Autors sowie dessen Arbeitsweise, sein „Fabulieren", wie es in einem Aufsatz heißt und seine Bedeutung für die brasilianische Identitätsbildung. Ligia Chiappini, die auch in das Thema der Tagung einführt, behandelt in ihrem Beitrag die Kunst und die Arten des Erzählens in dem Band Estas estórias (aus diesem Band ist bisher nur die Geschichte „Mein Onkel der Jaguar" übersetzt worden). Ute Hermanns beschäftigt sich mit den zahlreichen verfilmten Erzählungen. Interessant ist die Abhandlung über die Rezeption des Werkes im deutschen Sprachraum und viele interessante Informationen liefert der Aufsatz über und das Gespräch mit dem schon erwähnten Übersetzer Curt Meyer-Clason.
Wer die Prosa von Guimarães Rosa noch nicht kennt und sie vielleicht – nicht zuletzt angeregt durch den hier vorliegenden Band mit Sekundärliteratur – lesen möchte, ist heute auf die einschlägigen Antiquariate angewiesen: seit Jahren sind alle jemals aufgelegten Werke des Jubilars vergriffen. Curt Meyer-Clason führt diese Tatsache sicher nicht ganz zu unrecht, betrachtet man sich die Zahl übersetzten Werke der letzten Jahre, auf das generell nachlassende Interesse an brasilianischer Literatur zurück. Die wichtigsten Werke, die auch von Curt Meyer-Clason in Deutsche übersetzt wurden, sind der Romanzyklus „Corps de Ballet" (Corpo de baile), der Roman „Grande Sertão" (Grande sertão: veredas), und die Bände mit Erzählungen „Tutaméia" (Tutaméia), „Sagarana" (Sagarana) und „Das dritte Ufer des Flusses" (Primeiras estórias).
Klaus Küpper, BzL