[Borges/Sábato] Gespräche in Buenos Aires

BorgesSabato GesprächeJorge Luis Borges und Ernesto Sábato: Gespräche in Buenos Aires
Inspiriert und transkribiert von Orlando Barone, aus dem argentinischen Spanisch übersetzt, herausgegeben, mit Glossen versehen, kritisch durchgesehen und mit einer Nachbemerkung von Frank Henseleit.
Berlin: Matthes & Seitz, 2013. 191 S., geb., SU, 19,90 €.
O: Diálogos. Buenos Aires 1996.
978-3-88221-036-1

„Nach dreißig Jahren möchte mein wohl zur Selektion neigendes Gedächnis vergessen, dass in jenem März [1975] in Argentinien laufend gewalttätige Zusammenstöße zwischen der Guerilla und den Polizeikräften stattfanden. Tag für Tag wurden Polizeieinheiten und Kasernen angegriffen, rissen die Morde an Gewerkschaftern der Gegenseite nicht ab. ... Dennoch verdient nichts von diesen Ereignissen ... einen Kommentar von Borges und Sábato.“* Das schreibt der Vermittler und Initiator der sieben Gespräche, die zwischen dem 14.12.1974 und 15.3.1975 in Buenos Aires stattfanden.
Borges war 75, Sábato zwölf Jahre jünger, beide waren zu jener Zeit die renomiertesten Autoren in Argentinien (Cortázar lebte in Paris) und zugleich galten sie als Antipoden (Federmair). Ein Jahr später putschte das Militär. „Reden wir über Bücher“, sagt Borges und Sábato geht darauf ein. Und in der Tat, bei allen Sitzungen, so scheint es dem Leser der Dialoge, geht es in der Regel um Gelesenes. Und wenn über Religion, Tango (den Borges nicht mag), Philosophie, Übersetzen, Lyrik, Roman (Cervantes und sein Don Quijotte sind immer wieder Thema) u.a.m. geht, dann wird ohne Ende ziitiert und ein ununterbrochend erscheinendes Namedropping von Autoren und Werktiteln setzt ein. Unterschiedliche Meinungen oder gar Streit zu den verschiedenen Themen sind eher selten, meist wird von dem einen oder anderen eine Ergänzung, bzw. ein anderer oder zusätzlicher Aspekt in die höflich geführte Unterhaltung eingebracht. Orlando Barone gelingt es, die beiden oft abschweifenden Gesprächspartner behutsam wieder zum Ausgangspunkt zurückzuführen und schlägt immer wieder neue Themen vor.
Äußerst hilfreich ist das Glossar, das kurze Informationen zu den zitierten Werken und ihren evtl. vorhandenen deutschen Übersetzungen bereithält. Zum Verständnis und zum Hintergrund trägt das informative Nachwort vom Herausgeber und Übersetzer Frank Henseleit bei.
Die Leserinnen und Leser erwartet ein kurzweiliges intellektuelles Vergnügen, aber auch nicht mehr.
Klaus Küpper, BzL

* Orlando Barone, übersetzt von Udo Kaltwasser, in: Ostragehege. H.1/2007, S. 11. (Das Heft enthält das vorletzte Gespräch vom 8.3.1975 in der Übersetzung von Udo Kaltwasser) Weitere Kommentare und einen auszugsweisen Vorabdruck finden Interessierte in Schreibheft Nr. 72 aus dem Jahre 2009.

Jorge Luis Borges wurde am 24. August 1899 in Buenos Aires geboren. Zurückgekehrt aus Europa, wo er von 1914 bis 1921 mit seinen Eltern lebte, gründete er diverse literarische Zeitschriften. Durch einen Unfall büßte er einen Teil seiner Sehkraft ein, später verlor er unter Perón seinen Posten als Bibliothekar und wurde nach dessen Absetzung, mittlerweile fast völlig erblindet, Direktor der Nationalbibliothek. Borges gilt als einer der größten Stil- und Formkünstler der Weltliteratur. Sein Werk umfaßt Lyrik, Essays und Erzählungen (Romane zu schreiben lehnte er ab), die sich auszeichnen durch sprachliche Brillanz, enzyklopädischen Bildungsfundus und geistvolle Versteck- und Verwirrspiele.
Jorge Luis Borges starb am 14.6.1986 in Genf.

Ernesto Sábato wurde am 24.6.1911 in Rojas, Prov Buenos Aires als Sohn italienischer Einwanderer geboren. Er studierte Mathematik und Physik u. a. bei Irène Joliot-Curie und erhielt mit 28 Jahren den ersten lateinamerikanischen Lehrstuhl für Atomphysik. Er beendete seine Karriere, als 1945 Perón an die Macht kam und widmete sich fortan dem Schreiben. Neben seinen leider längst vergriffenen Romanen „Über Helden und Gräber“ und „Abaddón“ veröffentlichte er zahlreiche Essays, in denen er zu den politischen Fragen der Zeit engagiert Stellung bezog. 1983/84 leitete er die Kommission, die die Verbrechen der Militärjunta untersuchte, die in dem berühmten Bericht Nunca más ihren (vorläufigen) Abschluss fand.
Ernesto Sábato starb am 30.4.2011 in Buenos Aires.

Orlando Barone, geboren 1941, ist Autor, Journalist und Zeitungsherausgeber.

Frank Henseleit, 1964 geboren, ist Übersetzer aus dem Portugiesischen, Katalanischen und Spanischen. Zu seinen Übersetzungen gehören u.a. Werke von Fernando Pessoa, Ángel Crespo, Manuel Chaves Nogales und Mário de Sá-Carneiro.