[Mexiko] Bellinghausen, Herrmann: Acteal – Ein Staatsverbrechen

Bellinghausen ActealBellinghausen, Herrmann: Acteal – Ein Staatsverbrechen
Münster: Unrast, 2010. Studien zur globalen Gerechtigkeit, Bd. 1. 120 S., br., 12,00 €
978-3-89771-040-5

Seit die Gruppe „Mata-Zetas" im September 2011 in Veracruz einen Lastwagen mit den Leichen von 35 Personen vor einem zentralen Einkaufszentrum parkte und sich in einem Videoband des Mordes an den angeblich befeindeten Drogenkartellmitgliedern rühmte, diskutiert Mexiko erneut die Frage der Existenz von paramilitärischen Gruppen. Das renommierte mexikanische Nachrichtenmagazin Proceso veröffentlichte Anfang Oktober 2011 eine Sonderausgabe zum Thema und kam zu dem Ergebnis, dass es in Mexiko 167 paramilitärische Gruppen gibt, die zumeist in Militär-und Polizeistrukturen integriert seien und auch zur Einschüchterung sozialer Bewegungen dienten.
Das bis dato berühmteste und wohl grausamste Beispiel für das Wirken der Paramilitärs in Mexiko war das Massaker von Acteal in Chiapas im Jahr 1997. Über jenes Massaker hat der mexikanische Journalist und Drehbuchautor Hermann Bellinghausen 2009 ein Buch veröffentlicht. Im Oktober 2010 ist sein Buch „Acteal – Ein Staatsverbrechen" in der neuen Reihe Studien zur globalen Gerechtigkeit im Unrast Verlag nun auf Deutsch erschienen.
Bellinghausens Buch will 10 Jahre nach Acteal erinnern und mahnen. Die geistigen Urheber blieben bis heute unbescholten und eine Wiederholung ist jederzeit möglich. So lässt er von Beginn an keinen Zweifel, dass er das Massaker nicht als isolierten Einzelfall, sondern als Teil einer staatlichen Strategie der Aufstandsbekämpfung gegen die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN), als „Versuchsfeld eines kontrollierten Bürgerkrieges" (S.112) betrachtet. Das Massaker im Dorf Acteal an den pazifistisch-christlichen Mitgliedern der Organisation Las Abejas (die Bienen), die der EZLN nahe stehen aber den bewaffneten Kampf ablehnen, sollte demnach die gesamte Bevölkerung terrorisieren und ihr die möglichen Konsequenzen der Artikulation ihrer politischen Forderungen und der Versuch des Aufbaus autonomer Strukturen drastisch vor Augen führen. Ziel sei dabei die Spaltung zwischen ziviler Basis und aufständischen Zapatisten sowie die Verständigung zwischen regierungstreuen und zapatistischen Indigenen zu unterbrechen und die Rechtfertigung einer weitergehenden Militarisierung von Chiapas.
Das Buch rekonstruiert basierend auf Artikel der mexikanischen Tageszeitung La Jornada die Geschehnisse im Hochland von Chiapas in den Monaten vor dem Massaker. Detailliert zeichnet Bellinghausen die sich ausweitende Gewalteskalation nach, entkräftet deren mediale Darstellung als intrakommunitär, religiös oder ethnisch motiviert und zeigt auf, wie verschiedenste Versuche des erneuten Dialoges von staatlicher Seite unterbrochen wurden. Im Lauf des Jahres 1997 kam es zunehmend zu gewaltsamen Auseinandersetzungen in deren Folge die Zahl der Zwangsvertriebenen auf mehrere Tausend anstieg. Verschiedenste Warnungen vor einer weiteren Eskalation, Hilfsaufrufe und ein Marsch der Zapatisten nach Mexikostadt wurden von Regierungsseite ignoriert, bis am 22. Dezember 1997 das Unvorstellbare geschah. Dutzende Bewaffnete ermordeten in Acteal sechs Stunden lang 45 unbewaffnete Kinder, Frauen und Männer hinterrücks, obwohl Polizeieinheiten in unmittelbarer Nähe stationiert waren. Anfängliche Vertuschungsversuche scheiterten und so erregte das angekündigte Massaker weltweites Aufsehen. Doch Bellinghausen beschuldigt die mexikanische Regierung Zedillo und die oberen Militär- und Polizeiebenen nicht nur der Untätigkeit, sondern sieht sie direkt in der Bewaffnung und Ausbildung der Paramilitärs verwickelt. Das Buch stellt die wichtige Frage nach der politischen Verantwortung auch als Reaktion auf neuerliche Versuche, das Massaker als kommunitären, indigenen Konflikt und Folge eines Gefecht darzustellen, die verurteilten Täter zu entlasten und die Frage nach der Verwicklung höherer Stellen zu verschleiern. Bellinghausens Buch gelingt es durch die chronologische Rekonstruktion der Ereignisse vor Acteal den Kontext einer politischen Strategie der Spannung und Militarisierung herauszuarbeiten. Beweise für die Verstrickung höherer Verwaltungsebenen könnten allerdings nur neue juristische Ermittlungen auf den Weg bringen, die in der aktuellen politischen Konjunktur Mexikos leider unwahrscheinlich sind.
Das positive Gesamtbild des Buches wird durch die teilweise holprige Übersetzung, den etwas nachlässigen Umgang mit Nachweisen und das Fehlen eines Literaturverzeichnisses leider etwas getrübt. Eine kurze historische Einordnung in die Geschichte der Paramilitärs und militärischen Eskalationsstrategien in Mexiko oder ein Verweis auf parallel stattfindende Massaker wie z.B. 1995 in Aguas Blancas, Guerrero, 1996 in Loxicha, Oaxaca oder 1998 in El Charco, Guerrero, hätten diese wichtige Dokumentation für die interessierte Leser_in noch wertvoller und plausibler gemacht.
Heiko Kiser, BzL