Stüwe, Klaus / Rinke, Stefan (Hrsg.): Die politischen Systeme in Nord- und Lateinamerika.

Stuewe SystemeStüwe, Klaus / Rinke, Stefan (Hrsg.): Die politischen Systeme in Nord- und Lateinamerika.
Eine Einführung
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2008. 604 S., m. Abb. und Tab., br., 57,99 €.
978-3-531-14252-4

Dieses Handbuch unternimmt den Versuch, die politischen Systeme in 22 Staaten Nord- und Lateinamerikas systematisch darzustellen und miteinander zu vergleichen. Den einzelnen Länderstudien ist ein relativ umfangreiches Vergleichskapitel (ca. 50 Seiten) der Herausgeber vorangestellt, das neben den offensichtlichen Unterschieden zwischen den USA und Kanada einerseits und den lateinamerikanischen Republiken andererseits auch Gemeinsamkeiten, etwa die präsidentiellen Regierungssysteme, herausarbeitet. Dem Anspruch entsprechend, „einen Beitrag sowohl zur vergleichenden Politikwissenschaft als auch zur vergleichenden Geschichtsschreibung leisten" (Vorwort S. 7), setzt sich die Gruppe der 27 Autoren etwa zu gleichen Teilen aus Politikwissenschaftlern und Historikern zusammen. Alle Länderkapitel gehen annähernd nach dem gleichen Schema vor. Behandelt werden jeweils historische Entwicklung, Verfassungsentwicklung, Staatsoberhaupt, Parlament, Regierung und Verwaltung, Gesetzgebung, Wahlsystem und Wahlverhalten, Parteien, Militär, Interessenverbände und Kirchen, politische Kultur und Partizipation, Massenmedien, Rechtssystem, Regionen und Kommunen sowie internationale Beziehungen. Der Umfang von 20 bis 30 Seiten pro Land reicht indes nicht aus, um diese Themen nicht nur deskriptiv zu beschreiben, sondern auch analytisch zu durchdringen. Viele Beiträge begnügen sich etwa in den Themenbereichen Massenmedien, Rechtssystem, internationale Beziehungen, Interessenverbände und Kirchen nur mit sehr knappen Ausführungen, während die historische Einordnung und die Beschreibung der staatlichen Organisationsstrukturen meist ausführlicher ausfällt. Wenige Beiträge nehmen knapp Stellung zu Menschenrechtsfragen, und nur das Guatemala-Kapitel widmet sich (auf einer Seite) der indigenen Bevölkerung. Lediglich der Peru-Beitrag thematisiert unter der Überschrift "der anomische Staat" (auf weniger als einer Seite), was auch für viele andere lateinamerikanische Länder gilt: dass staatliches Gewaltmonopol und Rechtssicherheit, aber auch Gewaltenteilung und transparente Regierungsführung mehr theoretischer Anspruch denn konkrete Realität sind. Ein komparative Untersuchung, die sich an der aktuellen politikwissenschaftlichen Diskussion über "defekte Demokratien" orientiert, hätte daher mehr zum Verständnis der politischen Systeme Lateinamerikas beitragen können. Zweifellos ist dieser Sammelband dennoch insbesondere als erster Überblick zu den formellen politischen Strukturen hilfreich.
Christoph Dietz, BzL