Mittag, Jürgen / Ismar, Georg (Hrsg.): „¿El pueblo unido?“

Mittag puebloMittag, Jürgen / Ismar, Georg (Hrsg.): „¿El pueblo unido?"
Soziale Bewegungen und politischer Protest in der Geschichte Lateinamerikas
Münster: Westfälisches Dampfboot, 2009. 576 S., br., 39,90 €
978-3-89691-762-1

29 ausgewiesene Lateinamerika-Spezialisten analysieren in insgesamt 25 Beiträgen historische und vor allem aktuelle Entwicklungen länderspezifischer als auch übergreifender sozialer Bewegungen. Die zehn Länderbeiträge (Mexiko, Kuba sowie die acht größten Länder Südamerikas) unterscheiden sich den persönlichen Schwerpunkten der Autoren wie auch dem unterschiedlichen Charakter sozialer Bewegungen entsprechend (z.B. stärker im ländlichen Bereich verankert wie in Bolivien oder im städtischen Milieu wie in Argentinien) teilweise deutlich. Während Mechthild Minkner-Bünjer im Ecuador-Artikel sehr detailliert die Entwicklung unterschiedlicher Campesino-, Gewerkschafts- und der indigenen Bewegung und ihrer Organisationen nachzeichnet, bietet Andreas Steinhauf im Peru-Beitrag eher einen allgemeinen Überblick über die Rolle der sozialen Bewegungen in der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung des Landes. Der Brasilien-Beitrag von Joana Fontoura und Wilhelm Hofmeister ist stark historisch orientiert, während sich Wigbert Flock in den Ausführungen zu Uruguay auf das Protestpotential und die Organisationsformen von Jugendlichen konzentriert. Handelt es sich beim Länderteil bereits um durchgehend lesenswerte Beiträge, so bietet der thematische Teil einen Mehrwert, den es in dieser komprimierten Form in deutscher Sprache bisher noch nicht gab. Herausragend sind die Beiträge von Rainer Huhle über die Menschenrechtsbewegung, die in Chile 1973 ihren Anfang nahm und durch transnationale Vernetzung ihr Erfahrungspotential in unterschiedlichen nationalen Kontexten kontinuierlich ausweiten konnte; von Robert Lessmann über die Cocaleros in Bolivien, Peru und Kolumbien, deren unterschiedlicher Organisationsgrad mit ihrem politischen Einfluss korreliert; von Linda Helfrich und Barbara Potthast über Frauenbewegungen, die die rechtsstaatliche, wohlfahrtsstaatliche und die kulturelle Dimension von citizenship herausarbeitet; und von Manfred Wannöffel und Christina Ruta über Gewerkschaften, die seit den 1930er Jahren drei verschiedene Entwicklungsphasen durchlaufen und mittlerweile einen "neuen Typus authentischer, von Staat und Unternehmen unabhängiger Gewerkschaften mit betrieblicher Verankerung" hervorgebracht haben. Dieser Sammelband ist ein herausragendes Grundlagenwerk.
Christoph Dietz, BzL