Boris, Dieter: Bolívars Erben: Linksregierungen in Lateinamerika

Boris BolivarBoris, Dieter: Bolívars Erben: Linksregierungen in Lateinamerika
Köln: PapyRossa-Verlag, 2014. Neue kleine Bibliothek Bd.196. 202 S., kt., 14,90 €.
978-3-89438-545-3

In dieser Monografie reflektiert Dieter Boris, bis zu seiner Emeritierung Professor für Soziologie an der Universität Marburg, die bisherigen Erfahrungen der Linksregierungen in Lateinamerika. Dabei analysiert er insbesondere deren Wirtschafts- und Sozialpolitik und die dadurch beförderte Änderung der Sozialstrukturen. Ein eigenes Kapitel widmet er der Konzentration der Medienmacht in ausgewählten lateinamerikanischen Ländern und den Versuchen, diese durch neue gesetzliche Regelungen einzuschränken.
Obwohl es zwischen den einzelnen Staaten Südamerikas, in denen in den letzten Jahren linke oder Mitte-Links-Koalitionen die Politik bestimmt haben, erhebliche Unterschiede gibt, zeigt Dieter Boris, dass es zahlreiche Politikelemente gibt, die all diese Regierungen verbindet.
Etwa in der Wirtschaftspolitik, wo alle auf die Binnennachfrage durch eine auf breite Einkommenssteigerungen zielende Lohn- und Sozialpolitik, ankurbelten. Damit wurde nicht nur die Armut deutlich reduziert, sondern auch die durch die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingen (hohe Rohstoffpreise, erhöhte Nachfrage und Investitionsbereitschaft) beförderte günstige ökonomische Entwicklung verstärkt, was allenthalben zu einer Stärkung der lokalen Produktion und hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten führte.
Im politischen Bereich zeigt Boris, dass die Linksregierungen neue Mechanismen etabliert haben, um politische Interventionsmöglichkeiten der Bevölkerung zu verstärken. Er sieht dabei durchaus die Möglichkeit, dass verschiedene dieser Elemente auch benutzt werden können, um Bevölkerung und soziale Bewegungen zu kontrollieren, und verweist darauf, dass es sich letztlich in der Praxis erweisen müsse, welchen Charakter und demokratischen Qualität diese Strukturen haben werden.
Sehr anregend für die hiesige Debatte über die politische Entwicklung in Lateinamerika ist, dass Boris viele Diskussionen und AutorInnen aus der lateinamerikanischen Linken, die bislang in Europa relativ wenig rezipiert werden, vorstellt.
Auch wenn es auf wichtige Politikfelder nicht eingeht (was bei einem Umfang von 200 Seiten auch nicht geleistet werden kann), ist „Bolívars Erben" als erste deutschsprachige Gesamtdarstellung der Politik und Erfahrungen der linken Regierungen in Südamerika äußerst anregend und wichtig.
Gert Eisenbürger