[Argentinien] Hudson, Juan Pablo: Wir übernehmen

Hudson UebernehmenHudson, Juan Pablo: Wir übernehmen
Selbstverwaltete Betriebe in Argentinien - eine militante Untersuchung;
herausgegeben und übersetzt von Alix Arnold und Gabriele Schwab.
Wien: Mandelbaum Verlag, 2014. 210 S., englbr., 16,90 €.
978385476-632-2

Vor allem in den Jahren der großen Krise 2001/2002 besetzten argentinische ArbeiterInnen eine ganze Reihe insolventer Betriebe, in denen sie bis zu deren Konkurs beschäftigt waren, und nahmen die Produktion wieder auf. Was aus purer Not geschah, wurde von vielen internationalen BeobachterInnen schnell als Alternative zum Krisenkapitalismus abgefeiert. Einige Jahre später war von den selbstverwalteten Fabriken kaum noch die Rede. Waren die Projekte von Produktion unter Kontrolle der Belegschaften gescheitert? Keineswegs! Die meisten konnten sich bis heute halten, die Zahl der Fabriken unter ArbeiterInnenkontrolle ist in Argentinien in den letzten zehn Jahren sogar gewachsen. Im Jahre 2010 arbeiteten 9362 KollegInnen in Argentinien in 205 selbstverwalteten Betrieben.
Der in der argentinischen Industriestadt Rosario lebende Juan-Pablo Hudson begleitet und berät seit 2004 Unternehmen, die von den ArbeiterInnen übernommen wurden. Sein von Alix Arnold und Gabriele Schwab übersetztes und herausgegebene Buch „Wir übernehmen“ verbindet Elemente eines literarisch-historischen Essays mit denen der Testimonial-(Zeugnis-)literatur, um kollektive Entwicklungsprozesse mit all ihren Problemen und Widersprüchen darzustellen und nachvollziehbar zu machen. Dabei erzählen die ArbeiterInnen aus dem Großraum Rosario ihre Geschichten und stellen ihre unterschiedlichen Sichtweisen dar, während der Autor seine Reflexionen und Erkenntnisse einflechtet. Mit Urteilen und Schlussfolgerungen hält er sich zurück, vielmehr lässt er die LeserInnen an den Lernprozessen, Enttäuschungen und Ängsten teilhaben, die er in den Begegnungen und Gesprächen mit den KollegInnen aus den übernommenen Betrieben erlebt hat.
Der Autor nennt sein Buch eine „militante Untersuchung“, weil er keinen Blick von außen auf die betriebliche Realität wirft, sondern als Beteiligter die sozialen Prozesse analysiert und gemeinsam mit den KollegInnen Lösungsansätze für auftretende Probleme und Konflikte entwickelt. Dass es letztlich mehr Fragen als Antworten formuliert, ist indes kein Defizit des Buches, sondern eine seiner Stärken. Denn es arbeitet damit genau die Linien heraus, an denen die Diskussionen um selbstbestimmtes Arbeiten und gutes Leben (nicht nur in Argentinien) weitergeführt werden müssen.
Gert Eisenbürger