[Chile] Overbeck, Peter: Santiago, 11. September

Overbeck SantiagoOverbeck, Peter: Santiago, 11. September
Erinnerungen an Chile
Hamburg: Ed. Nautilus, 2008. 253 S., br., 19,90 €.
978-3-89401-581-7

Gerahmt von den Erfahrungen von Flucht und Vertreibung erzählt der deutsche Kameramann und politische Aktivist, Peter Overbeck, seine Erinnerungen an die Zeit der Unidad Popular und die ersten Jahre der Diktatur in Chile. Die gut erzählten Memoiren beginnen mit der Flucht Overbecks und seiner damaligen Frau Anneliese aus Brasilien nach Chile. Am Ende des Buches steht dann die Flucht Overbecks und seiner zweiten Frau Ruth aus dem Chile Pinochets nach Deutschland. Trotz dieser persönlich erschütternden und politisch enttäuschenden Erfahrungen drückt sich in den Erinnerungen kein Pessimismus, sondern ein Bewusstsein darüber aus, dass soziale Gerechtigkeit und eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung weiterhin notwendig sind. Dies bringt Overbeck gerade auch in dem Schlusskapitel zum Ausdruck, in dem er seine Eindrücke des heutigen Chile – gesammelt bei einem Besuch 2008 – beschreibt und aktuelle Problemstellung, wie die Regierung Bachelets, der Kupferbergbau, soziale Ungleichheit und die Repression gegen die indigenen Mapuche aufgreift.
In seinen Erinnerungen an die Zeit der Unidad Popular wechselt Overbeck gekonnt und lesenswert die Genres. So gibt er einen schön lesbaren Überblick über die Geschehnisse rund um die Regierung von Salvador Allende, sowie Debatte der Zeit wieder. Diese Passagen sind aber immer wieder durchsetzt von seiner heutigen Einschätzung der Situation, wo er sich auch selbstkritisch mit dem Voluntarismus des MIR, der Bewegung der revolutionären Linken, auseinandersetzt: „Heute, mehr als dreißig Jahre danach, glaube ich, dass Allende recht hatte und nicht der MIR. Es gab damals und gibt auch heute keinen anderen Weg zu einer gerechteren Gesellschaft als die Verwirklichung der wahren Demokratie, der Herrschaft des Volkes, ... ." (107)
Eindrücklich schildert Overbeck immer wieder seine Erinnerungen und die alltäglichen Erfahrungen des Lebens und Arbeitens in der Zeit der Unidad Popular. Besonders interessant ist hierbei sicherlich auch der Einblick in die Filmproduktion, die über die Erfahrungen von Kollektivierten Betrieben, Organisation in den Poblaciones, die Agrarreform und die Auseinandersetzung Mapuche-Gemeinden einen spannenden Einblick in die gesellschaftlichen Transformationsprozesse gibt. Eine besondere Vergegenwärtigung der vergangenen Ereignisse gibt Overbeck in dem Kapitel zum Leben im Untergrund und zur Flucht. Als Sprachrohr für seine Frau Anneliese nutzt er hier eine Passage, um öffentlich eine von ihnen getroffene falsche Einschätzungen zu einem compañero zu recht zurücken. Dieser hatte Ruth auf der Straße absichtlich herablassend behandelt, um sie nicht dem Geheimdienst der Diktatur auszuliefern. Er selber ist seitdem einer der mehr als 3.000 Verhafteten-Verschwundenen.
Überwiegt in diesen Memoiren insgesamt die politische Dimension, so gibt es doch auch Passagen, die den Charakter von Bekenntnissen haben und einen tieferen Einblick in die persönlichen Verhältnisse Overbecks geben. Herzu gehört vor allem die Trennung von seiner Frau Anneliese und die in Chile beginnende Beziehung zu Ruth, seiner zweiten Frau. Insgesamt ist das Buch leicht und gut lesbar. Allerdings haben sich einige kleine Fehler eingeschlichen – so ist es doch verwunderlich, dass Overbeck, obwohl er zum Umfeld des MIR gehörte, den Namen des Gneralsekretärs des MIR, Miguel Enríquez, durchgängig falsch schreibt (Henrique). Dennoch gibt das Buch Nicht-Chilekennern einen guten Überblick, aber auch diejenigen , die sich mit Chile intensiv befasst haben, eröffnet es neue Einblicke.
Olaf Kaltmeier, BzL