Langenhorst, Annegret; Meier, Johannes; Reick, Susanne (Hrsg.): Mit Leidenschaft leben und glauben

Langenhorst LeidenschaftLangenhorst, Annegret; Meier, Johannes; Reick, Susanne (Hrsg.): Mit Leidenschaft leben und glauben
12 starke Frauen Lateinamerikas.
Wuppertal: Hammer, 2010. 239 S., geb., mit Fotos, 19,90 €.
978-3-7795-0285-2

Wie der Untertitel des Buches besagt, werden hier 12 Frauen Lateinamerikas vorgestellt, wobei die Vorstellungen so unterschiedlich ausfallen, wie die Frauen und ihre Lebensläufe verschieden sind. Es sind Ordensfrauen, die aus Europa oder USA stammen und nach Lateinamerika gegangen sind, Frauen, die in Lateinamerika geboren und dort als Kämpferinnen für Gerechtigkeit leben oder gelebt haben, Frauen, die freiwillig das Leben der Armen in den Elendsvierteln der Städte oder auf dem Land geteilt haben, mit ihnen gehungert oder die alltägliche Kargheit des Essens gelebt haben, aber auch Frauen in bürgerlichen Verhältnissen, die gutem Wein und gutem Essen in netter Gesellschaft nicht abgeneigt sind, aber durch ihre Arbeit und ihr Engagement die Menschenrechte der Armen und Verfolgten verteidigen oder verteidigt haben. Es sind Frauen, die als Schriftstellerinnen oder Dichterinnen die „Seele" der lateinamerikanischen Frauen in Sprache gefasst haben, als Netzwerkerinnen soziale Projekte organisiert und aufgebaut, Entwicklung voran gebracht haben, oder Wissenschaftlerinnen und Theologinnen, die die Lebenswirklichkeit von Frauen auf den (theologischen) Begriff gebracht haben.
Vorgestellt werden zum Beispiel Bernadette Azuela, die als Ordensfrau in Mexiko Flüchtlingen aus anderen lateinamerikanischen Ländern begleitet, ökologische Bildungsarbeit aufbaut und als „Netzwerkerin" Kontakte zwischen den verschiedenen Arbeitsbereichen herstellt, aber auch Finanzierungsquellen in Europa und den USA aufbaut.
Die Biographien von Dorothy Stang, Ita Fort und Alice Domon zeigen, wie Nachfolgepraxis heute real „zum Kreuz" führen kann. Dorothy Stang zum Beispiel stammte aus den USA, setzte sich in Amazonien für Kleinsiedler und Erhaltung der Umwelt ein und wurde damit zum „Störenfried" für Großgrundbesitzer, die sie schließlich durch Auftragskiller haben umbringen lassen. Ita Ford, ebenfalls aus den USA stammende Ordensschwester, kam den vom US-Geheimdienst CIA unterstützen Militärs in El Salvador in die Quere, störte also und wurde zusammen mit drei anderen Frauen brutal ermordert. Und Alice Domon stammte aus Frankreich, wollte als Ordensfrau wirkliche Armut leben und suchte nach den Ärmsten der Armen: zunächst die Armut in den Stadtrandviertel, dann Armut und Unterdrückung durch Grundbesitzer auf dem Land, wo sie erkannte, dass es darum gehen muss, für die Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter Partei zu ergreifen, was sie in Konflikte mit den herrschenden Militärs brachte, die sie schließlich zusammen mit einigen Frauen aus der Gruppe der „Mütter des Plaza Mayor", die nach ihren verschwundenen Angehörigen fragten, haben „verschwinden" lassen.
Die Beschreibung des Lebensweges von María Julia Hernandez zeigt eine eher bürgerliche Frau in El Salvador, die als Mitarbeiterin in der Diözese beginnt und über konsequentes Engagement und Studium zur Juristin und Menschenrechtsverteidigerin („Mutter der Menschenrechte in El Salvador") wird, die einige der aufsehenerregendsten Verbrechen (z.B. Massaker an der Jesuitenuniversität 1989) dokumentiert und einer späteren Aufklärung zugeführt und damit die Straflosigkeit für Menschenrechtsverbrechen zumindest angekratzt hat.
Vorgestellt werden außerdem die feministischen Befreiungstheologinnen María Teresa Porcile Santiso (Uruguay), Elsa Tamez (Mexico/Costa Rica) und María Pilar Aquino (Mexico/USA), die Friedensnobelpreisträgerin Rigoberto Menchu Tum (Guatemala), die Laienmissionarin Mia Meermanns (Belgien/Bolivien), die Rechtsanwältin Pilar Coll Torrentes (Peru) und die Dichterin Gabriela Mistral (Chile).
Das Buch erinnert in seiner Machart an traditionelle „Heiligenviten", in der Unterschiedlichkeit, aber auch aufgrund der Tatsache, dass hier vom Alltag noch lebender oder erst kürzlich verstorbener oder umgebrachter Frauen erzählt wird, entsteht eine „Nähe" zur Realität des Lesers. Die Frauen sind aufgebrochen, haben in ihrem Alltag Grenzen überschritten und Neues geschaffen. Dies ist im Alltag möglich – man beginnt zu verstehen...
Ludger Weckel (Bücher zu Lateinamerika)