Cueto, Alonso: Die blaue Stunde

Cueto StundeCueto, Alonso: Die blaue Stunde
Roman. Aus dem Spanischen von Elke Wehr.
Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag, 2008. 318 S., kt., 9,90 €. (vergriffen)
O: La hora azul.
978-3-8333-0426-2

Adrián Ormache, Rechtsanwalt in Lima, verheiratet, zwei Töchter, könnte eigentlich zufrieden in die Zukunft blicken. Doch als seine Mutter stirbt, die sich schon drei Jahre nach der Heirat von ihrem Mann scheiden ließ, erhält Adriáns Selbstzufriedenheit einen argen Dämpfer. Er findet im Nachlaß den Brief einer gewissen Vilma Agurto, die den Vater beschuldigt, während des Bürgerkriegs gegen den Sendero Luminoso, Gefangene gefoltert und vergewaltigt zu haben, darunter auch ihre Nichte Miriam. Er erinnert sich plötzlich an den Wunsch seines Vaters, den er ihm gegenüber auf dem Sterbebett geäußert hatte und den er damals nicht ernst genommen hatte: „es gibt ein Mädchen, eine Frau, die ich einmal gekannt habe ... such sie, wenn du kannst." Die Nachforschungen nach Miriam führt den Anwalt in eine in Teilen bis heute verdrängte Vergangenheit: die brutale Rolle des peruanischen Militärs in dem schmutzigen Krieg gegen die Aufständischen. Er muß erkennen, daß auch sein Vater als ranghoher Militär die Entführungen von Frauen und Mädchen der indianischen Bevölkerung duldete. Man warf ihnen einfach Unterstützung der Terroristen vor, um sie dann zu vergewaltigen und anschließend verschwinden zu lassen. Aber der Vater verliebt sich in eine der Gefangenen und verhilft ihr zur Flucht. Bei seinen Nachforschungen und schließlich auch von Miriams Erzählungen erfährt Adrián die Wahrheit über dieser Zeit. Seine bisher zur Schau gestellte Selbstgefälligkeit wird stark erschüttert, er gefährdet seine bürgerliche Existenz, nicht zuletzt durch das Liebesverhältnis, das er mit Miriam beginnt. Ein lesenswerter Roman, auch wenn das versöhnliche Ende die Leserinnen und Leser etwas unbefriedigt zurückläßt.
Klaus Küpper, BzL

Elke Wehr wurde 1946 im sächsischen Bautzen geboren. 1961 flüchtete sie mit ihrer Familie aus der DDR nach Westdeutschland. Sie studierte Französisch und Italienisch in Paris und Heidelberg, wandte sich jedoch im Folgenden vor allem der spanischen Sprache zu. Wehr übersetzte unter anderem Texte von Roberto Arlt, Marco Denevi, Octavio Paz, Mario Vargas Llosa, Julio Cortázar, Alejo Carpentier, Jorge Semprún, Rafael Chirbes, Javier Marías und Manuel Rivas.
Sie trug mit ihren Übersetzungen wesentlich zur Bekanntheit dieser Schriftsteller im deutschsprachigen Raum bei und wurde zu einer der wichtigsten Vermittlerinnen zeitgenössischer Literatur aus Lateinamerika und Spanien.
Im Jahr 2006 wurde Elke Wehr für ihr Gesamtwerk, vor allem aber für ihre Übertragung des Romans Yo, el Supremo (Ich, der Allmächtige) von Augusto Roa Bastos mit dem Paul-Celan-Preis für herausragende Übersetzerleistungen ausgezeichnet.
Elke Wehr verstarb am 27.6.2008 in Berlin.

Der Autor:

Alonso Cueto (Caballero) wurde 1954 in Lima geboren.
Er studierte in seiner Geburtsstadt und reiste anschließend zwei Jahre durch Europa. Sein Studium beendete er in Austin/Texas mit einer Promotion über Juan Carlos Onetti. Er hat mehrere Bände mit Erzählungen und eine Reihe von Romanen veröffentlicht.
In deutscher Übersetzung erschienen bisher „Das Flüstern der Walfrau" und "Die blaue Stunde".

Titel:

Das Flüstern der Walfrau
Die blaue Stunde