Alarcón, Daniel: Stadt der Clowns

Alarcon StadtAlarcón, Daniel: Stadt der Clowns
Erzählungen. A. d. Amerikanischen v. Friederike Meltendorf.
Berlin: Wagenbach, 2012. 187 S., geb., 18,90 €.
O [teilweise]: War by Candlelight. New York 2005 [Übers. in Span.:] El rey siempre está por encima del pueblo. Lima 2009.
978-3-8031-3245-1

Eigentlich war doch nur etwas Alltägliches geschehen: ein Lastwagen bringt mit seinem Oberteil eine Fußgängerbrücke zum Einsturz. Und das in einem Stadtteil von Lima, der wegen seiner Überschwemmungen schon mal Venedig, oder wegen der vielen Kontrollpunkt auch Gaza genannt wird, eigentlich aber Los Miles heißt oder doch Santa María? Und was hat der Unfall mit dem blinden Onkel des Erzählers und seiner blinden Frau zu tun, die beide als Dolmetscher arbeiten? Hat er sie ermordet oder sie ihn, wie die ehemaligen Kollegen meinen? War er etwa gar nicht blind?
So beginnt die erste Erzählung in der kleinen Anthologie, die drei längere (dabei die titelgebende) und sechs nur wenige Seiten umfassende Prosastücke enthält, die sämtlich in der Heimat des Autors, meist in der Hauptstadt Lima („Es gibt auf der ganzen Welt keinen traurigeren, abscheulicheren Ort“, sagt Marcial in der Erzählung „Gott auf seiner flotten Wolke“) angesiedelt sind.
Den Ich-Erzähler in einer anderen Geschichte nennen sie „Pintor“. In Ermangelung von schwarzen Straßenkötern, den die zehn „Compañeros“ zur Warnung an die Kapitalisten an die Straßenlaternen hängen, muß er die gefangenen Hunde schwarz anmalen. In „Stadt der Clowns“ verkleiden sich der junge Óscar und zwei anderen Jungen als Clowns um während der Busfahrten zu betteln. Sein Vater nutzte Arbeit auf Baustellen um mit dort gestohlenen Material die eigene Wohnung herzurichten; später, nach vorbildlicher, „vertrauensbildender“ Arbeit in reichen Haushalten, räumte er die Wohnungen dann mit ein paar Kumpels aus.
Es sind häufig scheinbar völlig disparate, alltägliche Ereignisse, die Alarcón in einem wunderbar einfachen, lakonischen Erzählstil dann doch miteinander verknüpft, bzw. ihre nicht offensichtlichen Zusammenhänge im Fortgang der Geschichte aufdeckt. Außerdem trifft auch für die Erzählungen zu, was die Jury des Internationalen Literaturpreises schon über den Roman „Lost City Radio“ schrieb: ... [Er] konfrontiert uns auf eindringliche und einfühlsame Weise mit einer Welt, in der das Zusammenleben immer wieder von Bürgerkrieg und Gewalt bedroht wird.
Wir wünschen uns noch mehr von diesem Autor, der uns schon mit seinem wunderbaren spannenden und poetischen Roman fasziniert hat.
Klaus Küpper, BzL

Friederike Meltendorf ist Literaturübersetzerin. Sie hat an der Humboldt Universiät in Berin Englisch und Russisch studiert und nach einem Jahr an der Linguistischen Universität in Moskau ihr Studium mit dem Diplom als Übersetzerin abgeschlossen. Zu den von ihr übersetzten Autoren gehören u. a. Natasha Radojcic, Julia Belomlinskaja und Daniel Alarcón. Für die Übersetzung des Romans Lost City Radio von Daniel Alarcón erhielt sie im Jahr 2009 – zusammen mit dem Autor – als erstes Preisträgerduo den Internationalen Literaturpreis vom Haus der Kulturen der Welt in Berlin.

Der Autor:

Daniel Alarcón wurde 1977 in Lima geboren.
Er schrieb mehrere Kurzgeschichten und ist Herausgeber einer peruanischen Literaturzeitschrift. Sein Roman Lost City Radio wurde 2009 mit dem Internationalen Literaturpreis des Haus der Kulturen der Welt in Berlin ausgezeichnet. Von ihm erschien außerdem eine ins Deutsche übersetzte Sammlung mit Erzählungen unter dem Titel "Stadt der Clowns". 
Daniel Alarcón lebt heute in San Francisko und schreibt in englischer Sprache.

Titel:

Stadt der Clowns
Des Nachts gehen wir im Kreis
Lost City Radio