Pitol, Sergio: Drosseln begraben

Pitol DrosselnPitol, Sergio: Drosseln begraben
Die schönsten Erzählungen. A. d. mex. Span. von Angelica Ammar.
Nachwort von Marco Thomas Bosshard.
Berlin: Wagenbach, 2013. Quartbuch. 155 S., geb., 19,90 €.
O: Los mejores cuentos. Barcelona 2005.
978-3-8031-3249-9

Pitol selbst hat eine Auswahl seiner besten Geschichten zusammengestellt, die mit Ausnahme von drei bereits früher übersetzten Erzählungen, hier erstmals in Deutsch vorliegen. Die elf Erzählungen, meist sechs bis zehn Seiten lang, bieten einen Querschnitt über vier Jahrzehnte seiner Kurz-Prosa, von den Anfängen, die noch an die Erzählungen Rulfos erinnern (Victorio erzählt seine Geschichte und die seines tyrannischen Vaters aus dem Grab) bis zu der letzten Geschichte, in der er den Erzähler sagen läßt, dass ihm dieser Text, den er nach 20 Jahren erneut liest, dazu verholfen hat, zu neuen Formen überzugehen.
In „Die Hochzeitsbegegnung" und in der längeren, titelgebenden Erzählung „Drosseln begraben" reflektiert Pitol über das Schreiben. Die Freundin des Protagonisten rät ihm, die Erzählung noch einmal neu zu schreiben. So sitzt er in einem italienischen Café und notiert stundenlang seine Erinnerungen an Familienangehörige, Freunde, Nachbarn. Lange versucht er vergeblich, sein Material zu ordnen; doch Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend überfallen ihn aufs Neue. Er probiert verschiedene Anfänge, versucht Wesentliches vom Unwichtigen, Reales von Erträumten zu trennen, verwirft alles und ertrinkt erneut im Wust seiner Erinnerungenfetzen und Gedankenströme.
Einige seiner Erzählungen spielen außerhalb Mexikos; sie sind Frucht seiner wechselndenn Aufenthaltsorte, die seiner 16jährige diplomatischen Tätigkeit in u. a. Polen, Ungarn und Frankreich mit sich brachte und der Kenntnis seiner jahrelangen Übersetzertätigkeit, vor allem aus russischer und polnischer Literatur.
Die Leser können in diesen Erzählungen die Entwicklung eines Autors verfolgen, der sich nicht auf einen Stil festlegen wollte und sich daher glücklicherweise in keines der Klischees über mexikanische oder lateinamerikanische Literatur einordnen lässt.
Klaus Küpper, Bücher zu Lateinamerika

Die Übersetzerin Angelica Ammar, geboren 1972 in München, hat Romanistik und Ethnologie studiert. Sie übersetzt aus dem Spanischen und Französischen (u. a. Texte von Felisberto Hernández, Sergio Pitol, Mario Vargas Llosa, Guillermo Martinez, Gioconda Belli und Laura Alcoba) und hat bisher zwei Romane veröffentlicht. Angelika Ammar lebt in Barcelona.

Der Autor:

Sergio Pitol wurde am 18.3.1933 in Puebla/Mexiko geboren.
Er ist Jurist und Literaturwissenschaftler; bekannt vor allem aber als Prosaschriftsteller, Essayist, Lyriker und Übersetzer aus dem Russischen, Polnischen und Englischen (u.a. übersetzte er Werke von Gogol, Gombrowicz, James, Conrad). Er war Kulturattaché und Botschafter in Paris, Warschau, Budapest, Moskau und Prag. Im Jahre 2005 erhielt er den Premio Cervantes, den höchsten Literaturpreis der spanischsprachigen Welt. Von seinem großen Oeuvre liegen bisher sechs Werke übersetzt vor. (Besprechungen siehe „Bücher zu Lateinamerika" 2002/03, 2003/04, 2005/06 und 2007/08).
Pitol lebt heute in Xalapa, Veracruz.

lieferbare Titel:

Drosseln begraben