Luiselli, Valeria: Falsche Papiere

Luiselli PapiereLuiselli, Valeria: Falsche Papiere
Essays. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz und Nora Haller.
[Nachwort] Cees Nooteboom, übersetzt von Helga von Beuningen.
München: Antje Kunstmann Verlag, 2014. 125 S., geb., SU, 16,95 €.
O: Papeles falsos. Mexico [D.F] 2010.
978-3-88897-936-1

Um die exorbitanten Arztkosten zu sparen, hatte Valeria Luiselli sich mit Hilfe eines Freundes falsche Papiere beschafft. Jetzt war sie also Einwohnerin von Venedig und konnte sich auf dem Friedhof San Michele auf die Suche nach dem Grab von Joseph Brodsky begeben. Kein leichtes Unterfangen, wie die Autorin feststellt; Brodsky gehört offensichtlich nicht zu den Zielen des „intellktuellen Toten-Tourismus“.
Über ihre Geburtsstadt Mexiko zu schreiben ist für die Autorin „ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen“. Und so sind die beiden Essays über die Stadt auch keine Berichte über ihre Erkundungsgänge, sondern eine Aneinanderreihung von Assoziationen, Gedanken, Zitaten und Aphorismen von mehr oder weniger bekannten Autoren und Autorinnen. Die Aufteilung der riesigen Stadt in die Viertel, die durch die ober- und unterirdischen Flüsse begrenzt sind, haben eigentlich keine Bedeutung für die Stadtnomadin, die als Flaneurin zu Fuß und mit dem Fahrrad unterwegs ist. Und so ist auch das Fahrradfahren einerseits Mittel, den Vorteil vor dem Laufen herauszustellen, aber auch aber Anlass, sich über die saudade und verwandten Begriffe wie Melancholie oder Assoziationen zu Nostalgie, Depression, Odysseussyndrom etc. auszulassen. 
Luiselli zitiert an einer Stelle die von irgendeinem Weisen geäußerten Ansicht „es gibt nichts Fruchtbringenderes, nichts Unterhaltsameres, als sich von der einen Sache durch eine andere ablenken zu lassen“. Und so sind alle zehn Essays eigentlich amüsante Ablenkungen einer Stadtstreunerin, die im Gehen oder Fahrradfahren über den erschossenen Hund auf dem Gehweg, das laute Hämmern im Hof, die Schwierigkeiten beim Lesen von À la recherche du temps perdu, über das Sprechen in anderen Sprachen, über Architektur und Schrift, über Bücher und Bibliotheken u.a.m. nachzudenken. 
Lassen Sie sich also 
(ab)lenken beim lustvollen Spaziergang mit Luiselli in Mexiko, Venedig und Anderswo und bei Haltepunkten mit Borges, Benjamin, Pessoa u.a.!
Klaus Küpper, BzL


Dagmar Ploetz wurde am 12.9.1946 in Herrsching geboren. Sie hat Germanistik und Romanistik in München studiert und als Journalistin und Lektorin gearbeitet. Sie ist Übersetzerin aus dem Spanischen und hat für ihre Arbeit mehrere Preise erhalten. Zu ihren Übersetzungen lateinamerikanischer Literatur gehören u. a. Werke von Isabel Allende, Gabriel García Márquez, Valeria Luiselli, Rodolfo Fogwill, Juan Rulfo und Gioconda Belli. Dagmar Ploetz lebt in München.
Nora Haller wurde am 16.6.1986 in Zürich geboren. Sie wuchs in Hamburg auf und studierte Komparatistik und Romanistik in München. In Köln volontierte sie im Lektorat von Kiepenheuer & Witsch, bevor sie sich selbstständig machte und als Redakteurin und Übersetzerin aus dem Spanischen arbeitete. Heute ist sie Lektorin des Piper Verlags und lebt in München.

Die Autoirn:

Luiselli, Valeria luiselli autor Dan Callister1Valeria Luiselli, geboren am 16.8.1983 in Mexiko City, schreibt für Magazine und Zeitungen wie Letras Libres und die New York Times. Sie hat für das New York City Ballet Libretti und den Essay-Band Papeles falsos geschrieben, der von der Kritik hoch gelobt wurde und auch in deutscher Übersetzung (Falsche Papiere) vorliegt. Ihr Romandebüt Los ingrávidos (dt. Die Schwerelosen) wurde mit dem LA Times Art Seidenbaum Award for First Fiction ausgezeichnet und ist in viele Sprachen übersetzt worden. Sie arbeitet als Lektorin, Journalistin und Dozentin und lebt in New York.
(Foto: © Dan Callister)

Titel:
Die Geschichte meiner Zähne
Die Schwerelosen
Falsche Papiere