Herrera, Yuri: Der König, die Sonne, der Tod

Herrera Koenig SonneHerrera, Yuri: Der König, die Sonne, der Tod
Abgesang des Königs – Zeichen, die vom Weltende künden – Körperwanderung
Mexikanische Trilogie. Aus dem Spanischen von Susanne Lange.
Frankfurt/M.: S. Fischer, 2014. 348 S., geb., SU, 19,99 €.
O: Trabajos de reino. Cáceres 2008. Señales que precederán al fin del mundo. Cáceres 2011. Transmigración de los cuerpos. Cáceres 2013.
978-3-10-02255-4

Abgesang des Königs
Sein Lehrer hielt ihn für einen Esel und sein Vater hinterließ ihm ein Akkordeon und brachte ihm bei, wie man es bedient. „Das ist dein Brot“, sagte er ihm zum Abschied. Und so wurde Lobo zum Sänger, lernte Texte zu schreiben über das was anderen passierte und spielte sie in Form der Corridos auf der Straße und in den Kneipen. „Der Corrido ist nicht nur wahr, er ist schön und schafft Gerechtigkeit. Drum ist er genau richtig, um den Herrn zu ehren,“ erklärt Lobo dem Journalisten.
Lobo ist inzwischen zum „Hofsänger“ des Königs aufgestiegen. Er lebt auf einem Gelände, das einmal eine Müllkippe war und in einem Palast, den sich immer so vorgestellt hatte: „Mit Säulen, Statuen und Gemälden ... goldenen Klinken, einer Decke, die nicht zu erreichen war.“ Doch was er hier erfährt, sieht und hört, sind nicht nur die Audienzen des Königs und seine Wohltaten. Nicht alles ist immer in die Corridos zu verwandeln, die den Ruhm des Königs preisen. Und doch gerät er plötzlich wegen seiner Naivität in die Machtkämpfe um die Nachfolge seines Herrn und entkommt nur knapp seiner Ermordung.
Herrera führt uns in das Innere des Machtzentrums eines Drogenbosses im Nordwesten Mexikos nahe der Grenze zu den USA. Beinahe beiläufig und mit leisen Tönen berichtet er von den mörderischen Verhältnissen in diesem Teil des Landes, in dem Korruption, Mord und blutige Kämpfe an der Tagesordnung sind und in dem der Künstler wie an einem absolutistische Hofe nur so lange nützlich ist, wie es dem König gefällt.

Zeichen, die vom Weltende künden
Makinas Bruder war vor vielen Jahren nach „Drüben“ gegangen. Angeblich gab es dort ein ererbtes Grundstück. Dreimal hatte er geschrieben, dann kam kein Lebenszeichen mehr. Ihre Mutter Cora hatte sie nun gebeten, den Bruder zu suchen „geh, bring dem Bruder den Zettel hier, ich schick dich nicht gern Mädchen, aber wem soll ich´s auftragen, einem Mann?“
Der Weg aus der an der Grenze gelegenen Stadt zu den „Nordlern“ ist gefährlich und nur mit professionellen Schleppern zu bewältigen. Hilfreich sind Makinas Sprachkenntnisse des „Nordlerischen“, des „Latino“ und „Heimischen“. Die Leute, die der Grenzgängerin begegnen, reden „in einer Zwischensprache“ auf die Makina sofort eingeht, „denn sie ist wie sie selbst, biegsam, veränderlich, durchlässig, ein Scharnier zwischen zwei entfernten Ähnlichkeiten“. Die Vermittler, die ihr den gefährlichen Weg freimachen, verlangen als „klitzekleinen Gefallen“ nur den Transport eines Päckchen ... Nach manchen gefährlichen Abenteuern findet Makina schließlich ihren Bruder. Der hat zwar nicht das versprochene Grundstück dafür aber eine neue Identität gefunden.

Körperwanderung
„Wir glauben“, hatte die Regierung verlauten lassen, „dass die Epedemie ... ein Spur aggressiver sein könnte als angenommen“ und empfahl der Bevölkerung in der ungenannten Stadt, lieber zu Hause zu bleiben, keinen zu berühren und zu küssen und Mund und Nase schön bedeckt zu halten. Diese Einschränkungen und der zeitweise Stromausfall passen Alfaki im Augenblick überhaupt nicht in den Kram. Einmal, weil er gerade mit seiner Nachbarin, der „Dreimalblonden“ angebändelt hatte und zum anderen weil der „Delphin“, einer der brutalen Gangsterbosse der Stadt, ihn um Vermittlung gebeten hatte: sein Sohn Romeo war entführt worden. Aufträge wie dieser gehörten zum Job des abgehalfterten Advokaten, seit er einmal sein diplomatisches Geschick bewiesen hatte und die Tochter des Castro-Clans vor der Entführung durch ihren Freund bewahrt hatte. Er hatte gelernt, „dass sein Ding weniger die Verwegenheit war“ sondern es darauf ankam, zurückhaltend zu sein, „damit der andere dachte, die Worte, die er sagte, wären seine eigenen.“ Plötzlich war auch noch die Tochter des mit dem „Delphin“ verfeindeten Castro-Clans verschwunden und die ganze Sache lief auf einen Austausch der beiden Kinder hinaus. Jetzt war Alfakis ganzes Geschick gefordert, vor allem als sich herausstellte, dass es sich bei der komplizierten Mission um einen Austausch von Leichen handelte ...

In der Trilogie, die der Verlag hier aus den drei Kurzromanen zusammengestellt hat („Der Abgesang des Königs“ erschien bereits 2011) führt Herrera die Leserinnen und Leser in das Machtzentrums eines Drogenbosses im Nordwesten Mexikos, in die mörderische Grenzregion zwischen Mexiko und den USA und die Gefahren auf dem Weg in die Migration und in die apokalyptischen scheinenden Verhältnisse einer Stadt im Ausnahmezustand. Es gelingt ihm, die unwirklichen, albtraumhaften Geschehnisse und Strukturen in einer adäquaten Sprache zu schildern; er schafft neue, eigenwillige Begriffe und Stilmittel und schöpft gleichzeitig aus der oft brutalen Alltagssprache. Man ahnt, welche Anforderung hier an die Übersetzerin gestellt worden ist und bewundert dankbar deren meisterhafte Leistung.
Die Trilogie ist eines besten Bücher, die in jüngster Zeit aus Lateinamerika ins Deutsche übersetzt wurden.
Klaus Küpper, Bücher zu Lateinamerika

Susanne Lange wurde am 5. Juli 1964 in Berlin geboren. Sie studierte Komparatistik, Germanistik und Theaterwissenschaft. Seit 1992 arbeitet sie als freie Übersetzerin vor allem für spanischsprachige Literatur. In diesem Bereich ist sie darüber hinaus als Herausgeberin und Gutachterin tätig. Lange hat bisher u.a. Werke von Miguel de Cervante Saavedra, Juan Rulfo, Luis Cernuda, Federico García Lorca, Juan Gabriel Vásquez, Yuri Herrera, Carlos María Domínguez, Javier Marías und Antonio Unga übersetzt. Sie wurde mehrmals für ihre Arbeit ausgezeichnet (so für ihre Neuübersetzung des „Don Quijote“). Susanne Lange lebt in München und bei Barcelona. 


Der Autor:

HerrerasYuri Bln 3 2014Yuri Herrera wurde 1970 Actopán/Mexiko geboren. Er studierte in Mexiko und Texas und promovierte in Berkeley. Zur Zeit lehrt und forscht er an der Tulane Universität in New Orleans zur Kultur Mexikos. Er ist Herausgeber der Zeitschrift „El perro" und Autor von Erzählungen und Essays. Bisher hat er zwei Romane veröffentlicht.
Der „Abgesang des Königs", ein zweifach ausgezeichneter Roman, ist seine erste auf Deutsch erschienene Veröffentlichung. Der Roman ist der erste Teil der "Mexikanischen Trilogie" mit dem Titel: "Der König, die Sonne, der Tod".
Yuri Herrera erhält am 18.11.2016 in der Akademie der Künste in Berlin den "Anna-Seghers-Preis" für seine "formale Innovation, sprachliche Kraft und die wache Auseinandersetzung mit der brutalen gesellschaftlichen Gegenwart seines Landes".