Fleisacher, Ester: In einer Kirche hast du nichts verloren

Fleisacher KircheFleisacher, Ester: In einer Kirche hast du nichts verloren
Erzählungen aus Kolumbien
Deutsch von Peter Schultze-Kraft und Peter Stamm.
Zürich: edition 8, 2017. 142 S., geb., Fadenheftung, 19,80 €.
978-3-85990-317-3
 
Aus Kolumbien, einem Land, das für seine lange Geschichte der Gewalt bekannt ist und das uns üppige, ja, monumentale Romane geschenkt hat, kommen diese zarten, filigranartigen Kurzgeschichten zu uns. Ein Paradox – aber nicht das einzige in Esther Fleisachers Literatur und Leben. Diese Autorin ist eine Jüdin, die streng religiös erzogen wurde, sich aber, als sie erwachsen war, vom jüdischen Glauben losgesagt hat; eine jüdische Renegatin, die sich jedoch nicht dagegen wehren kann, dass in ihren Texten immer wieder jüdische Themen hochkommen; eine Erzählerin, deren Protagonistinnen fast ausschliesslich Frauen sind, ohne dass wir es mit feministischer Literatur zu tun haben; eine Frau, die gern auf Friedhöfe geht, aber nicht, um einen morbiden Totenkult zu pflegen, sondern um „ein Band mit dem Leben zu knüpfen“.
Esther Fleisachers Themen sind nicht spektakulär, aber tiefgründig, auch deshalb, weil die Autorin, von Beruf Psychoanalytikerin, etwas von der menschlichen Seele versteht. Viele Geschichten handeln von einem Drama in der Familie, das Aussenstehenden verschlossen sein mag, für die Beteiligten aber von elementarer Bedeutung ist: das verzweifelte Bemühen einer Mutter, ihren an einem fernen Ort begrabenen Sohn zu sich zu holen; die Schwierigkeiten einer nicht-jüdischen Ehefrau, in der sich abkapselnden jüdischen Gesellschaft heimisch zu werden; die verpasste Versöhnung mit einer alten Schulfreundin; die Frage nach der Authentizität, die im Zusammenhang mit den grauen Haaren einer mittelalterlichen Frau und eines falschen Muttermals auf der Stirn gestellt wird.
Ein wesentlicher roter Faden, der sich durch Esther Fleisachers Literatur zieht, hat mit der jüdischen Diaspora, dem Verlust der alten Heimat und dem Neuanfang in der Fremde zu tun und ist in der heutigen Zeit globaler Völkerwanderungen zu einem universellen Thema geworden. Mit zwei reizvollen Erzählungen („Kirchen besuchen“, „Mangos vom Camposanto“) gelingt es der Autorin auch, eine Brücke zwischen verschiedenen Religionen zu schlagen. (Verlagsinformation)
 
Peter Schultze-Kraft, geboren 1937 in Berlin, hat früher auf dem Gebiet der Entwicklungshilfe für die UNO gearbeitet und setzt sich seit vielen Jahren als Übersetzer und Herausgeber für die lateinamerikanische Literatur im deutschsprachigen Raum ein. Er hat in seinen Anthologien und anderen Veröffentlichungen die meisten kolumbianischen Schriftsteller erstmals in deutscher Sprache vorgestellt, so u. a. auch Tomás González, dessen Werk er seit 2003 betreut. Peter Schultze-Kraft lebt heute im Schwarzwald.
 
Die Autorin:
 
Esther Fleisacher, geb. 1959 in Palmira nahe Cali (Kolumbien), hat seitens beider Elternteile jüdische Wurzeln; ihr Vater stammt aus Chotyn (Rumänien), ihre Mutter aus Alexandria (Ägypten). 1965 Umzug der Familie von Palmira nach Medellín. Studium der Psychologie. Lebt in Medellín, wo sie eine Praxis als Psychoanalytikerin hat.
Werke: Las tres pasas (Erzählungen 1999), La flor desfigurada (Erzählungen, 2007), La risa del sol (Roman, 2011), Canciones en la mente (Lyrik, 2011); Gestos hurtados (Prosa, 2016).
„In einer Kirche hast du nichts verloren“ ist eine Auswahl aus den drei Prosabänden und enthält vier bisher unveröffentlichte Texte.
 
Titel: