Abad, Héctor: La Oculta

Abad LaOcuataAbad, Héctor: La Oculta
Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen.
Berlin: Berenberg, 2016. 349 S., HLn, fadengeheftet, 25,00 €.
O: La Oculta. Bogotá 2014.
Konzeption/Gestaltung: Antje Haack.
978-3-946334-00-2

La Oculta ist der Name einer Finca in der Nähe von Medellin in Kolumbien. Die wirtschaftlichen Verhältnisse und die Auszahlungen an die Erben haben den Besitz im Laufe der Zeit so verkleinert, dass die Bewirtschaftung sich heute kaum noch lohnt. Die Einnahmen aus der Viehherde und der Kaffeeplantage decken gerade die Kosten. „Diese Finca sei uns im Kampf ums Leben zugefallen“, hatte der totkranke Vater seiner Tochter Pilar gesagt, „wir dürften dieses Stück Erde um nichts in der Welt aufgeben ... La Oculta habe ihnen ein Leben in Würde ermöglicht, ihren Arbeit, Freiheit und Unabhängigkeit gegeben“. Und er nahm seiner Tochter das Versprechen ab, die Finca unter keinen Umständen zu verkaufen. Dies allesgeschah in einer Situation, in der die Familie gezwungen wurde, ein Lösegeld für den von der Guerrilla entführten Enkel Lucas zu zahlen.
Jetzt ist die 89jährigen Mutter Anita Ángel gestorben und die Kinder Antonio, Eva und Pilar treffen sich auf der Finca, um Abschied zu nehmen. Abwechselnd erzählen die Geschwister ihre Geschichte und ihre Erlebnisse auf der Finca, die für sie immer ein besonderer Ort war, ein Ort an dem sie als Kinder glücklich waren, der aber gleichzeitig von den sozialen und politischen Konflikten und den schrecklichen Ereignissen in der Geschichte der Provinz Antioquia und des gesamten Landes nicht unberührt blieb.
Antonio, der als Musiker in New York lebt, hat die Geschichte der Familie aufgezeichnet und war sich nie sicher, ob die Ahnen, die als erste aus Spanien nach Neugranada kamen, möglicherweise Marranen, also ehemalige Juden waren. Eva ist eine für kolumbianische Verhältnisse emanzipierte Frau. Sie hat drei Ehen hinter sich und spottet nur über ihre Ehemänner, den „Herrn Präsidenten“, den „Dirigenten“ und den „Bankier“. Über ihre Schwester Pilar, die mit ihrem Mann Alberto und fünf Kindern noch auf der Finca lebt, lästert sie, weil sie nichts anderes macht, was Urgroßmutter, Großmutter und Mutter schon gemacht haben: „Garten pflegen, beten, sich um Kinder und Enkel kümmern, aufräumen, kochen oder putzen“.
Zwei Jahre nach dem Tod der Mutter kommt es zur Entscheidung: Pilar erhält von ihren Geschwistern keine finanzielle Unterstützung mehr für den Unterhalt der Finca. Eva will verkaufen und Antonio stimmt schnell zu, da seine Träume vom abwechselnden Leben in New York und auf La Oculta am Widerstand seines Freundes scheitern. Auf dem Gelände der Finca entsteht nun ein Siedlung und Pilar wird nur noch das alte Haus behalten, um wenigstens einen Teil des ihrem Vater gegebenen Versprechens zu erfüllen. Antonio ist beim Anblick der neuen Siedlung entsetzt und sagt: „Nicht zu fassen – was der Bürgerkrieg und Guerrilla und die Paramilitärs nicht geschafft haben, erledigen die Geschäftemacher im Handumdrehen.“ „Stell dir einfach vor“, sagt Pilars Mann Alberto und bezieht sich mit diesem Trost offensichtlich auf den Namen La Oculta – die Verborgene, „hinter dem Nebel ist alles noch wie früher.“
Héctor Abad erzählt in diesem wunderbaren und empfehlenswerten Roman mit ihren liebevoll gezeichneten Protagonisten von seiner Heimat Antioquia und ihrem Mikrokosmos auf der Finca. Dabei sind die geschilderten Ereignisse stets verbunden mit der wechselvollen Geschichte Kolumbiens und bieten den Leserinnen und Lesern damit eine spannende und informative Lektüre.
Klaus Küpper, BzL

Peter Kultzen, geboren am 20.8.1962 in Hamburg, studierte Romanistik und Germanistik in München, Salamanca, Madrid und Berlin. Er lebt als freier Lektor und Übersetzer spanisch- und portugiesischsprachiger Literatur in Berlin. Er übersetzte u. a. Werke von Sonia María Cristoff, Martín Kohan, Claudia Piñeiro, Eduardo Halfon und Roberto Bolaño.

Der Autor:

Héctor Abad [Faciolince] wurde 1958 in Medellín geboren.
Er studierte anfangs Medizin und Philosophie in Medellín bevor er mit dem Studium der Sprache und Literatur an der Universität in Turin begann. Er übersetzte wichtige Werke der italienischen Literatur (u. a. von Bufalino, di Lampedusa, Eco, Calvino). Abad ist Herausgeber, Journalist und Übersetzer. 2006/2007 war er Gast des DAAD in Berlin.
Seine erste in deutscher Übersetzung erschienene Veröffentlichung war das „Kulinarisches Traktat für traurige Frauen" (s. BzL 2007/08, S. 103). 2009 erschien von ihm die Übersetzung von „Brief an einen Schatten", die Geschichte einer Liebe zwischen Vater und Sohn, 2011 „Das Gedicht in der Jackentasche" und 2016 "La Oculta".

Titel: