Martí, José: Das goldene Alter

Marti AlterMartí, José: Das goldene Alter
Aus dem Spanischen von Manfred Schmitz.
Berlin: Patchworld, 2013. 246 S., geb., 18,00 €.
O: La Edad de Oro.
978-3-941021-25-9

Das goldene Alter ist die erste deutsche Gesamtausgabe von La Edad de Oro, der ersten bedeutenden kinderliterarischen Schöpfung Lateinamerikas. In sekundärliterarischen Texten wird La Edad de Oro meist als „Goldenes Zeitalter" übersetzt, hier jedoch entschied sich der Übersetzer unter Berufung auf Hesiod und Schiller ausdrücklich für die Übersetzung „Das goldene Alter", das den Bezug zu Kindheit als einem sorglosen, heiteren, glücklichen Zustand herstellen soll. Auf Grund dieser im Vorwort explizit begründeten Entscheidung wirkt es verwirrend, dass im späteren Textverlauf (auf Seite 72) doch wieder vom „goldenen Zeitalter" die Rede ist.
Bereits das Vorwort des Übersetzers fällt durch grammatikalische Fehler auf. Die Übersetzung selbst wimmelt von Rechtschreib- und grammatikalischen Fehlern wie z.B.: „damit Hektor in verwunden kann" und „bedeckt es Sarg mit einem Purpurschleier". Sowohl Satzstruktur als auch Zeichensetzung erinnern stark an den spanischen Ausgangstext, was der Übersetzer vielleicht mit bestimmten Übersetzungstheorien à la Schleiermacher rechtfertigen kann. Bedenkt man, dass es sich ursprünglich um ein an Kinder gerichtetes Werk handelt, ist es umso unverständlicher, dass sich der Zieltext als derart schwer lesbar gestaltet. Die Übersetzung orientiert sich bis zur Unverständlichkeit nah am Originaltext, wobei der Sinngehalt für einen des Spanischen mächtigen Leser rekonstruierbar ist, für alle anderen schlicht inakzeptabel. Für Kinder erscheint er aufgrund der inhaltlichen Ungereimtheiten nicht gerade empfehlenswert. Zwar dürfte der 1889 entstandene Text als modernes Kinderbuch wohl kaum mehr von Interesse sein, für Forschungszwecke hingegen wäre er ein durchaus lohnenswerter Gegenstand. An dieser Stelle wäre eine gründliche Überarbeitung der vorliegenden Fassung bzw. eine Neuübersetzung anzuraten.
Der Schreibstil ist geprägt von dem Ausgangstext nachempfundenen elliptischen Auslassungen. Die Sätze sind, trotz eben jener Auslassungen und / oder Unvollständigkeiten („...und ähnlich sind die Häuser der Etrusker und der Byzantiner, weil aus den gleichen Ländern.") gewöhnungsbedürftig lang. An einigen Stellen scheint es, dass alternative Übersetzungen und Synonyme nicht bedacht wurden: „No hay tarde que no me enojes" wurde mit „Noch ist es nicht spät, als dass ich mich ärgerte" übersetzt, anstelle von dem naheliegenden und aus dem Kontext hervorgehenden „Kein Nachmittag, an dem du mich nicht verärgerst." Andere Passagen sind unverständlich formuliert: „auf seinem Marsch durch die unterworfenen Völker" oder „Doch die Städte, die in den Büchern des Amerikaners Stephens, von Brasseur de Bourbourg und Charnay, von Le Plongeon und seiner verwegenen Frau, des Franzosen Nadaillac gefeiert werden .....".
Die im Buch vorkommenden Gedichte zweisprachig bzw. gar dreisprachig darzustellen ist eine sehr schöne Idee, obgleich auf diese Weise Übersetzungsfehler noch offenkundiger werden. Im Falle der Adaptation von Emersons Gedicht „The Mountain and the Squirrel" ist bereits die Originalversion fehlerhaft abgedruckt. Der Übersetzer bezieht sich mit „Meñique" auf das zuvor als „Däumling" übersetzte Märchen, was zu Unverständnis führt. Es wird Bezug genommen auf Grafiken aus der Originalausgabe, von denen in der Übersetzung keine einzige vorhanden ist. Die tatsächlichen graphischen Aspekte der Publikation wiederum sind gut gelungen. Die Gestaltung des Einbands und die Einrahmung der Überschriften der einzelnen Geschichten sind hübsch. Allerdings löst sich die Druckfarbe mit meinen selbstklebenden Notizzetteln von den Seiten und hinterlässt ein fehlerhaftes Schriftbild.
Im Gesamtbild überwiegen die peinlich zahlreichen Fehler: „... dass lässt man die Mischung aus drei Metallen erkalten...", „in die Palastküste", „Sie ist wie Buch aus Stein" oder „Gegen ganz Spanien, er allein, richtete sich sein Kampf", ganz zu schweigen von den überflüssigen Leerzeichen.
Diese Fehler hätten der in Deutschland lebenden spanischen Lektorin auffallen müssen, unverzeihlich ist der unübersetzte Adverbialsatz auf Seite 75.
Das Resultat ist eine anstrengende Lektüre und man fragt sich, warum nicht etwas mehr Mühe und Aufwand für die Übersetzung eines doch von Übersetzer und Verlag als „glänzendes Juwel der Weltliteratur" angepriesenes Werk betrieben wurden. Das vorliegende Buch ist sicherlich kein erfolgreiches Mittel, um José Martí Ehre zu erweisen.
Johanna Klute, BzL

Der Autor:

Jose Marti kleinJosé Julián Martí y Pérez wurde am 28.1.1853 in Havanna geboren.
Er war ein kubanischer Poet und Schriftsteller und gilt als kubanischer Nationalheld sowie Symbol für den Unabhängigkeitskampf des Landes. Er war mehrfach im Exil (Mexiko, Guatemala, USA) und war Autor von Prosa, Essays und Gedichten. Für seine Märchenerzählungen für Kinder benutzte er u. a. Vorlagen aus Rußland und Frankreich. In Mexiko beschäftigte er sich mit den Überresten der Maya-Kultur.
José Martí fiel bei einem Gefecht im kubanischen Unabhängigkeitskampf am 19.5.1895 in Dos Rios, Provinz Oriente.
(Foto: © Verlag)

Titel:

Das goldene Alter