Padura, Leonardo: Die Palme und der Stern

Padura PalmePadura, Leonardo: Die Palme und der Stern
Roman. Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein.
Zürich: Unionsverlag, 2015. 457 S., geb., 24,95 €.
O: La novela de mi vida. Barcelona 2002.
978-3-293-00485-6
- dass.: - Zürich: Unionsverlag, 2017. UT 756 (Großformat). 457 S., kt., 16,95 €.
978-3-293-20756-1
 
„Ach, wie so schön ist dies Land ... Niemals berühret die Strenge des Winters rauh und verwüstend die fruchtbaren Felder ...“ schreibt der im mexikanischen Exil lebende Dichter und Vertreter der kubanischen Romantik José María Heredia in seinem berühmten Langgedicht* angesichts der aztekischen Tempel in Cholula.
Der 1803 in Santiago de Cuba geborene Sohn eines spanischen Beamten war aufgrund seines Engagements für die Unabhängigkeit Kubas 1823 zu lebenslanger Verbannung verurteilt worden und lebte nach einem zweijährigen Aufenthalt in New York seit 1825 in Mexiko, das sich drei Jahre zuvor von der spanischen Kolonialherrschaft befreit hatte (worauf Kuba noch 80 Jahre warten sollte). Heredia, der seine Kindheit durch die berufliche Tätigkeit seines Vaters außerhalb Kubas verbrachte, studierte vor seinem erzwungenen Exil zwei Jahre lang Jura in Havanna. Von Mexiko, das ihn naturalisiert hatte, kehrte er, nachdem er seinen Ideen abgeschworen hatte, 1836 für kurze Zeit nach Kuba zurück. Dort wurde er „rückfällig“, kehrte nach Mexiko zurück und starb völlig verarmt im Jahre 1839.
Das ist in aller Kürze die Biographie des Dichters José María Heredia (nicht zu verwechseln mit seinem französischen Namensvetter), so wie sie aus einschlägigen Quellen verbürgt ist. Heredia ist neben einem zeitgenössischen kubanischen Exilanten – dem fiktiven Fernando Terry – die Hauptperson in diesem spannenden Roman.
Fernando Terry, der zweite Protagonist, der eine Doktorarbeit über Heredia begonnen hatte, darf nach 18 Jahren im Exil für eine beschränkte Zeit auf die Insel zurückkehren. Er will die Gelegenheit nutzen, um nach einem geheimnisvollen Manuskript zu suchen, das die Memoiren Heredias enthalten soll. Nebenbei will er aber auch herausfinden, wer ihn vor 20 Jahren beim Staatssicherheitsdienst denunziert hatte, so dass er seinen Job und künftige Karriere an der Universität verlor.
Padura hat die Geschichten seiner beiden Hauptpersonen kunstvoll miteinander verschränkt – Parallen drängen sich dabei von selbst auf, ohne dass hier ein platter Vergleich der beiden Herrschaftssysteme angestrebt wird. Der packende Roman mit kriminalistischen Elementen verlangt von des Leserinnen und Lesern, bedingt durch die schnellen Perspektiv- und Zeitwechsel, einiges an Aufmerksamkeit. Diese Anstrengung erhöht jedoch die Leselust und wird zudem mit der Kenntnis über viele unbekannte historische Fakten aus der Geschichte Kubas belohnt. Uneingeschränkt empfehlenswert.
Klaus Küpper, BzL

* En el Teocalli de Cholula, übersetzt von Max Leopold Wagner (1924). Quelle: „Poesie der Welt. Lateinamerika.“ Berlin 1986.

Hans-Joachim Hartstein, geboren 1949, übersetzt seit 1980 französisch- und spanischsprachige Literatur. Er hat u. a. Werke von Georges Simenon, Léo Malet, Luis Goytisolo, Juan Madrid, Marina Mayoral, Leonardo Padura und Ernesto Che Guevara ins Deutsche übertragen.

Der Autor:

paduraleonardoLeonardo Padura (Fuentes) wurde 1955 in Havanna geboren.
Er studierte Literaturwissenschaften in in seiner Geburtsstadt und arbeitete als Journalist für kubanische Zeitschriften. 1989 begann er, Kriminalromane zu schreiben, die er benutzt, um Probleme in der aktuellen kubanischen Gesellschaft zu schildern und für die er zahlreiche Preise erhielt. Inzwischen gehört er zu den meistübersetzten kubanischen Autoren. Viele seiner zahlreichen Romane wurden ins Deutsche übersetzt und durchweg positiv besprochen (siehe BzL 2002/03ff.). 2015 erhielt er den renomierten spanischen Prinzessin-von-Asturien-Preis. 
Leonardo Padura lebt in Havanna.
(Foto: © Leonardo Padura)

Titel:
Neun Nächte mit Violeta
Ein perfektes Leben