Trouillot, Lyonel: Jahrestag

Trouillot JahrstagTrouillot, Lyonel: Jahrestag
Roman. Aus dem Französischen von Peter Trier.
Kehl: litradukt, 2012. 96 S., br., 11,90 €.
O: Bicentaire. 2004.
978-3-940435-12-5

Zu Beginn des Jahres 2004 feiert Haiti seinen zweihundertsten Unabhängigkeitstag. An diesem Sonntag geht der 24jährige Student Lucien „den Hügel hinunter und trat vorsichtig auf, um seinen Bruder nicht zu wecken". Er geht hinunter nach Port-au-Prince um an der Demonstration gegen die Regierung teilnehmen, die aus diesem Anlass geplant war. Unterwegs erinnert er sich an seine blinde Mutter, die „mit den klaren Regeln", die in dem Dorf auf dem Zentralplateau lebte und hörte ihre Stimme: „ich, die schwarze Ernestine Saint-Hilaire, die zuschaut, wie die Zeit vergeht, ohne sie zu sehen".
Sein Bruder, „der Kleine", der sich in irgendwelchen Gangsterbanden herumtreibt, Hitler für den größten Deutschen hält, sich selbst Little Joe nennt und dauernd mit seiner Waffer herumfuchtelt, hat ihn vor der Demonstration gewarnt. Sie haben die Banden schon vorher für die Toten bezahlt - es werden Studenten sterben, sagt er. Beim Lebensmittelgeschäft „Zum echten Port-au-Princer" kauft er normalerweise zwei, drei Zigaretten. Diesmal schenkt ihm der Händler eine ganze Packung. Auf seinem Weg in die Stadt liegt das Haus des Arztes. An diesem Tag erhält er regelmäßig den Lohn für seinen Nachhilfeunterricht, den er für den Sohn des Arztehepaares leistet. Nur ca. fünf Minuten dauert die erotische Phantasie, die sich an schönen Frau des Arztes entzündet und die ihn fast von Gedanken an die Demonstration abbringt. Später erinnert sich an die „Ausländerin", eine Journalistin, die ihn interviewt und der er sagt: „Wenn wir uns verstehen sollen, dann sprich mir mit deiner Sprache der offenen See, deiner jugendlichen Sprache ...". Aber das alles, auch die folgenden blutigen Ereignisse, sagt der Autor in seiner Einleitung, können sich so auf einer Karibikinsel zugetragen haben; das wäre aber nur die sichtbare Welt. „Aber was zum Teufel geht in den Köpfen der Menschen vor?"
Wer das wissen will, und wissen will, wie sich die Verhältnisse in Haiti in den Köpfen der Menschen widerspiegeln muss diesen außergewöhnlichen kleinen Roman lesen, der einen von ersten bis zur letzten Seite nicht loslässt und in einer wunderbar poetischen Sprache ein leider sehr trauriges Schlaglicht auf ein Land und seine zerrissene Gesellschaft wirft.
Klaus Küpper, BzL

Der Autor:

Lyonel Trouillot 1Lyonel Trouillot wurde am 31.12.1956 in Port-au-Prince geboren. Während der Diktatur von Duvalier ging er für einige Jahre ins Exil in die USA. Nach seiner Rückkehr engagierte er sich für die Demokratiebewegung in seinem Land und gehörte er zu den wichtigsten Gegnern des Regimes von Aristide.
Trouillot ist Autor von Lyrik, Prosa und Essay in kreolischer und französischer Sprache. Er schreibt für eine Reihe von Zeitschriften, ist Gründer von einem Kulturzentrum und Förderer jungen Autoren.
Sein Roman Bicentaire wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet; er erschien 2011 in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Jahrestag“. Weitere Romane in deutscher Übersetzung sind „Die Straße der verlorenen Schritte“ (2013), „Die schöne Menschenliebe“ (2014) und „Yanvalou für Charlie“ (2016).
Trouillot lebt in Port-au-Prince und lehrt an der dortigen Universität französische und kreolische Literatur.