Fernández, Nona: Der Himmel

Fernandez HIMMEL 160Fernández, Nona: Der Himmel
Erzählungen.
Aus dem chilenischen Spanisch von Anna Gentz.
Wien: Septime, 2014. 162 S., geb., SU., 18,40 €.
O: El Cielo. 2000.
978-3-902711-26-7

„Maltese sagte, als erstes komme der Titel. Man müsse der Geschichte einen Namen geben, die leere Seite taufen.“ Und so beginnt sie die Erzählung „Emilia“ auch mit Großbuchstaben „EMILIA“, als ein „dringlicher Appell an die leeres Seite“. Diese Geschichte schreibt sie noch auf dem Computer. Es ist die Geschichte einer Suche um endgültig Abschied zu nehmen von der Freundin, die ihn, den Frischverheirateten, damals verlassen hatte – beim Karneval irgendwo in der Pampa, jenseits der Anden.
In der letzten Geschichte der Sammlung („Maltese“) erzählt sie von ihrem Freund Bruno, der fest davon überzeugt war, dass nur Maltese, ein Landsmann aus Chile ihm helfen konnte, seinen Roman endlich zu beenden. Und so reisen die beiden über den Atlantik und müssen erleben, dass Maltese stirbt, ohne das Manuskript von Bruno gelesen zu haben. Seine Freundin findet Malteses Reiseschreibmaschine im Abfall und benutzt sie für ihre Erzählungen. Bruno hat sie nach Hause, nach Santiago zurückgeschickt ...
„Der Himmel“ heißt der Getränkeladen in der titelgebenden Geschichte. Hier versorgt sich die Erzählerin mit ihrem geliebten weißen Merlot. Ihre Nachbarin Mara wartet verzweifelt auf die Rückkehr von Tadeo, der losgegangen war, um Geld zu besorgen. Als Mara verschwindet, kommt Tadeo tödlich verletzt zurück und wird von der Erzählerin, die er für Mara hält, gepflegt ...
Eigentlich wollte der alte Dante Sepúlveda seinen Sohn noch begraben, der seit dem 1. Novemer 1975 während der Militärdiktatur verschwunden war. Doch dann besucht der tote Sohn seinen kranken Vater, die Rollen werden vertauscht und der Name des Sohnes auf der Tafel der Vermissten bleibt bestehen ...
In „Blanca“ erfährt die Erzäherin in Barcelona vom Tod ihrer Großmutter Blanca. Sofort fliegt sie zur Beerdigung nach Santiago. Die Erinnerungen an Blanca berühren sie so stark, dass sie die Kleider ihrer Großmutter trägt und ihre Mutter schließlich sagt: „Du wirst Blanca immer ähnlicher.“ Nach einem Sturz in der Stadt wacht sie neben einem alten Mann auf, der sie mit Blanca anspricht und sich als der ehemalige Geliebte der Großmutter zu erkennen gibt ...
In den sieben Erzählungen bewegen sich die Protagonisten in einer Welt zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Wunschtraum und albtraumhafter Realität. Die meisten der handelnden Personen sind krank, verletzt und leben in Müll, schmutzigen und verfallenen Wohnungen und heruntergekommenen Stadtvierteln. Nona Fernández schildert ungeschminkt und gnadenlos in ihren sieben Erzählungen das Leben in der Großstadt, in der die Menschen auf einen Wendepunkt in ihrem zerstörten Leben hoffen.
Die empfehlenswerte Sammlung ist keine Lektüre für zarte Gemüter.
Klaus Küpper, BzL

[Inhalt: Marion – Blanca – Emilia – Der Himmel – Ein kaputter Schuh – Der erste November – Maltese]

Anna Gentz, geboren 1980, studierte Romanistik und Pädagogik in Frankfurt am Main. Sie schrieb Artikel für die Neuauflage 2010 des Kindlers Literatur Lexikons, u. a. zu Julio Cortázar, Ernesto Sábato und José Eduardo Agualusa. Sie übertrug Erzählungen einen Roman der chilenischen Autorin Nona Fernández sowie einen Roman von Rodrigo Rey Rosa aus Guatemala.

Die Autorin:

Fernandez nonaNona Fernández wurde am 23.6.1971 in Santiago de Chile geboren. Sie ist ausgebildete Schauspielerin, Schriftstellerin und Drehbuchautorin. Sie hat bisher vier Romane mehrere Erzählungen und Drehbücher geschrieben für die sie eine Reihe von Preisen erhalten hat, darunter zweimal den den chilenischen Literaturpreis Premio Municipal de Literatura in der Kategorie „Bester Roman“. Nona Fernández zählt mittlerweile zu den führenden Schriftstellerinnen Chiles; Roberto Bolaño bezeichnete sie einst als eine der großen Entdeckungen der jungen chilenischen Literatur („Diese schnörkellose Maßlosigkeit, dieser Mut! Jede einzelne Zeile ist entweder lebensnotwendig oder tödlich, immer gespannt bis zum Äußersten“).
(Foto: © Septime Verlag)

Titel:
Die Strasse zum 10. Juli
Der Himmel
Die Toten im trüben Wasser des Mapocho