Scliar, Moacyr: Der Krieg in Bom Fim

Scliar BomFimScliar, Moacyr: Der Krieg in Bom Fim
Roman. Herausgegeben von Liliana Ruth Feierstein.
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Marlen Eckl.
Mit einem Prolog des Autors: Gedanken zu Bom Fim und zur Literatur. Zusammengestellt und übersetzt von Marlen Eckl.
Berlin: Hentrich und Hentrich, 2013. Jüdische Spuren Bd. 5. 137 S., englbr., 14,90 €.
O: A guerra do Bomfim. 1972.
978-3-95565-011-7

Die ersten jüdischen Einwanderer nach Brasilien reisten bereits mit den portugiesischen Entdeckern. Kurze Zeit später kamen die sogenannten Marranen, zwangsgetaufte Juden, die vor der Inquisition in Spanien, Portugal und Holland flüchteten. Eine weitere Welle von jüdischen Migranten erreichte Brasilien dann in der Zeit der Republik zum Ende des 19. Jahrhunderts. Die vor allem aus dem Gebiet des damaligen russischen Zarenreichs vor den dortigen Progromen fliehenden Einwanderer siedelten sich vor allem im Bundesstaat Rio Grande do Sul an, das ohnehin auch Ziel von Deutschen, Italienern und Polen war. In Porto Alegre, der Hauptstadt des Bundesstaates, entstand in dem nach einer Kapelle genannten Viertel Bom Fim ein charakteristisches eigenes jüdisches Schtetl.
Scliars Familie kam Anfang des 19. Jahrhunderts nach Porto Alegre; er selbst ist dort geboren und aufgewachsen. Sein kleiner Roman – er selbst nennt sie Novelle – spielt in der Zeit seiner Kindheit, in der der latente Antisemitismus in Brasilien sich 1942 mit der Kriegserklärung des Landes gegen Nazideutschland in eine antideutsche Stimmung verwandelte, die z. T. hysterische Züge annahm – wie bespielsweise die Angst vor einer Fünften Kolonne der Nazis. Scliar gelingt es, das Leben in der kleinen jüdischen Gemeinschaft so lebendig und warmherzig zu schildern, dass den Leserinnen und Lesern eigentlich nur noch die fliegenden Geiger von Chagall fehlen. Dennoch, das Viertel war kein jüdisches Ghetto – hier lebten sowohl Schwarze als auch antisemitisch eingestellte Deutsche und Einheimische unter denen die Juden nicht nur verbal zu leiden hatten.
Joel („Er war klein, rothaarig und hatte Sommersprossen“) ist der Held der Geschichte, er ist das alter ego des Autors. Es sind seine Jugenderinnerungen und –phantasien, aus denen sich die Abenteuer des Krieges in Bom Fim speisen. Joel ist der unerbittliche Kämpfer gegen die Nazis. Er regte sich schnell auf, so dass die anderen ihn Giftzwerg nannten. Außerdem hatte er Angst vor dem schrecklichen Perlhuhn des Nachbarn. Aber er fühlte sich wie ein König mit Hofstaat, mehreren Hunden und Hoffräuleins – die ihn anhimmelten, ihn, den Rächer der Nazis. Nach dem Krieg sah Joel Hitler in der Straßenbahn nach Petrópolis. Wie er verhinderte, dass der Diktator sich seiner gerechten Bestrafung entzog, wird hier nicht verraten.
Bitte mehr von diesem Autor und seinen köstlichen Geschichten!
Klaus Küpper, BzL

Marlen Eckl ist Historikerin, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin aus dem Portugiesischen, sie hat u. a. Werke von Moacyr Scliar und literaturwissenschaftliche Bücher übersetzt. 2014 erschien eine von ihr herausgegebene Anthologie junger brasilianischer Prosa. 


Der Autor:

Moacyr Scliar Roberto Scliar 2Moacyr Scliar wurde am 25.3.1937 in Porto Alegre geboren. Er wuchs als Kind russisch-jüdischer Immigranten im damaligen jüdischen Viertel Bom Fim in Porto Alegre auf.
Der studierte Arzt gilt neben Clarice Lispector als der wichtigste Vertreter der brasilianisch-jüdischen Literatur und zählt zu den meist übersetzten Gegenwartsschriftstellern Brasiliens. In mehr als 70 Werken unterschiedlicher Genres – Romane, Erzählungen, Essays sowie Kinder- und Jugendbücher – setzte er sich mit dem Judentum, der Medizin und der Lebenswirklichkeit der brasilianischen Mittelklasse auseinander. Seine hochgelobten Kurzgeschichten und Romane wurden in viele Sprachen übersetzt, drei seiner Romane in den 1980er Jahren auch ins Deutsche („Der Zentaur im Garten", „Die Ein-Mann-Armee" und „Das seltsame Volk des Rafael Mendes"). .
Mit seinen Romanen Os deuses de Raquel (Die Götter der Raquel) und A guerra no Bom Fim (Der Krieg in Bom Fim) wird endlich die Trilogie komplettiert, die mit O exército de um homem só (Die Ein-Mann-Armee) auf dem deutschsprachigen Markt eingeführt wurde.
Am 27.2.2011 ist Moacyr Scliar in seiner Geburtsstadt gestorben.

Photo: © Roberto Scliar

Titel:

Die Götter der Raquel (s. Bücher zu Brasilien, S. 61)
Kafkas Leoparden (s. Bücher zu Brasilien, S. 61f.

Die Ein-Mann-Armee
Der Krieg in Bom Fim
Der Zentaur im Garten