Strejilevich, Nora: Ein einzelner vielfacher Tod

Strejilevich TodStrejilevich, Nora: Ein einzelner vielfacher Tod
Aus dem argentinischen Spanisch von Elisabeth Schmalen.
Herausgegeben und mit einem Vorwort von Kirsten Mahlke und Liliana Ruth Feierstein.
Berlin: Hentrich & Hentrich, 2014. 194 S., englbr., 17,90 €.
O: Una sola muerte numerosa. 1997, 2006.
978-3-95565-037-7

Kann die unvorstellbare Massenvernichtung der Juden durch die Nazis, die Brutalität in den Konzentrationslagern erzählt werden? Diese Frage nach der Darstellbarkeit des Grauens durch Literatur stellte sich nach Ende des Terrors während der blutigen Militärdiktatur in Argentinien (und anderswo) erneut. Die Antworten sind in nicht wenigen literarischen Zeugnissen nachzulesen, die z. T. auch in deutscher Übersetzung erschienen sind (u.a. in „Purgatorio“ von Tomás Eloy Martínez, „Wir haben uns geirrt“ von Martín Caparrós, „Kamtschatka“ von Marcelo Figueras und „Zweimal Juni“ von Martín Kohan).
Die hier übersetzte Arbeit von Nora Strejilevich ist im Unterschied zu den o. a. Romanen das Zeugnis einer unmittelbar Betroffenen. Sie wurde verschleppt, erlitt die Folter am eigenen Leib und wurde Zeugin der Leiden anderer Gefangener, darunter vieler Verwandter und Freunde.
Ihr Buch ist eine Montage aus unmittelbaren Erinnerungen an Erlebnisse während ihrer Haft und Folter, aus Beobachtungen im Gefängnis, fiktionaler Prosa, Gedichten und Kinderliedern, Zitaten aus dem Bericht Nunca Más, Aussagen der Junta-Militärs, an die Schreie der Folterer, Zeitungsartikeln, Zeugnissen anderer Folteropfer. So entstand eine beeindruckende und verstörende Collage aus Kindheitserinnerungen, der Zeit im Gefängnis und der Zeit im Ausland; ein Mosaik aus kurzen Teilchen, die durch ihre Zusammensetzung das Unerhörte dieser entsetzlichen Epoche in der Geschichte Argentiniens erst sichtbar machen.
Wer das Grauen nur annähernd nachempfinden will und die Spuren der (nicht nur individuellen) Verletzungen, die das perfide Terrorregime hinterlassen hat, verstehen will, für den ist die Arbeit von Strejilevich ist eine unverzichtbare Lektüre.
Klaus Küpper, BzL

Elisabeth Schmalen, Jahrgang 1985, ist seit 2010 Diplom-Literaturübersetzerin und seit 2012 IHK-geprüfte Fachübersetzerin mit den Sprachen Englisch, Spanisch und Norwegisch. Unter ihren bisherigen Übersetzungen finden sich eine argentinische Kurzgeschichte, ein Begleitband zu einer Comic-Serie, wissenschaftliche Aufsätze und die Untertitelung von Filmmaterial.


Die Autorin:

Nora StrejilevichNora Strejilevich wurde 1951 in Buenos Aires geboren. 1977, während der Militärjunta wurde sie mit anderen Familienangehörigen verschleppt. Nach ihrer Freilassung aus dem Folterlager „Club Atlético" erhielt sie schließlich politisches Asyl in Kanada, wo sie studierte und über lateinamerikanische Literatur promoviert wurde.
Nora Strejilevich ist Autorin von Lyrik, Prosa und Essays und arbeitet zur Zeit als Dozentin für spanische und portugiesische Sprache an der San Diego State University (USA).
Aktuell befasst sie sich mit dem Widerstand von Künstlerinnen gegen totalitäre Regime.

Photo: © Privat


Titel:

Ein einzelner vielfacher Tod