Piglia, Ricardo: Der letzte Leser

Piglia LeserPiglia, Ricardo: Der letzte Leser
Essay. Aus dem argentinischen Spanisch von Leopold Federmair
Wien: Klever, 2010. 208 S., englbr., 19,90 €.
978-3-902665-23-2

Piglia beginnt seinen großen Essay über den/die Leser (und das Lesen) mit der Schilderung seines Besuchs bei einem Mann, der permanent an einem Modell der Stadt Buenos Aires arbeitet. Jedes Jahr muß er die südlichen Stadtteile wieder aufbauen, die durch das Hochwasser beschädigt wurden denn er glaubt, „daß die wirkliche Stadt von seiner Nachbildung abhängt und so gesehen ist er verrückt.“
Der Mann läßt immer nur eine Person als Besucher zu und „reproduziert [damit] in der Betrachtung der Stadt den Vorgang des Lesens“, bei der man auch allein ist und wo es auch um Parallelwelten geht, die manchmal in die Wirklichkeit eintreten, wie Ezra Pound meint, den Piglia hier zitiert. Am Ende des Besuchs begreift der Besucher, was ihm auch vorher schon klar war: „Alles, was wir uns vorstellen können, existiert ... in einem anderen Maßstab, auf einer anderen Ebene, in einer anderen Zeit, deutlich und fern, wie in einem Traum.“
Natürlich begegnen wir gleich im ersten Kapitel („Was ist ein Leser?“) Borges, dem blinden Direktor der argentinischen Nationalbibliothek („Ich bin jetzt ein Leser von Seiten, die meine Augen nicht mehr sehen.“). Kafka, Poe, Joyce sind ganze Abschnitte gewidmet, anderen Autoren begegnen wir über ihre fiktiven (?) Protagonisten (Bartleby, Don Quijote, Hamlet). Auch sie sind Lesende, ebenso wie ihre Schöpfer.
Wir begleiten Piglia auf einem spannenden und amüsanten Spaziergang durch die Weltliteratur, in denen er uns Lesern oft überraschende Ein- und Aussichten vermittelt. Er hatte nicht die Absicht, das Thema umfassend zu behandeln, sondern dieser Spaziergang ist, wie er im Nachwort schreibt, die willkürliche Wiedergabe seiner eigenen Lektüreerlebnisse und insofern „möglichweise das persönlichste und intimste von allen (Büchern), die ich geschrieben habe.“
Piglia ist es mit seinem spannenden Essay gelungen, das eigene Leseverhalten zu reflektieren, neue Sichtweisen auf scheinbar Bekanntes zu entdecken und last but not least, neugierig zu machen auf noch nicht Gelesenes (was wir uns aber immer schon mal zu lesen dringend vorgenommen hatten!).
Ein großer Dank an Autor, Übersetzer und Verlag für dieses außerordentliche Buch!
Klaus Küpper, BzL

Leopold Federmair, geboren am 25.8.1957 in Wels/Österreich, ist Schriftsteller und Übersetzer. Er studierte Germanistik, Geschichte und Publizistik in Salzburg. Er arbeitete als Lektor in verschiedenen europäischen Ländern und bereiste regelmäßig Lateinamerika. Für seine Arbeit erhielt er mehrere namhafte Preise und Auszeichnungen. Zu seinen Übersetzungen aus dem lateinamerikanischen Raum zählen Werke von José Emilio Pacheco, Ricardo Piglia und Rodolfo Walsh.
Leopold Federmair lebt als freier Schriftsteller in Hiroshima.

Der Autor:

Ricardo Piglia wurde am 24.11.1941 in Adrogué, Provinz Buenos Aires geboren. Nach dem Studium der Geschichte wurde er Mitherausgeber und Literaturkritiker für verschiedene Zeitschriften. Von 1986 bis 1990 lebte er vorwiegend in den USA, wo er u. a. in Princeton und Harvard argentinische Literatur unterrichtete. Piglia ist Autor von Erzählungen, Romanen, Drehbüchern und Essays.
In deutscher Übersetzung erschienen bisher die Romane „Die abwesende Stadt“ (La ciudad ausente).1994, „Brennender Zaster“ (Plata quemada). 2001, „Künstliche Atmung“ (Respiración artificial). 2002, „Falscher Name“ (Nombre falso). 2003 und „Ins Weiße zielen“ (Blanco nocturno). 2010. Außerdem wurden zwei Auswahlbände mit Erzählungen „Kurzformen“ (Formas breves). 2007 und „Der Goldschmied“ (Auswahl aus: La invasión/Nombre falso). 2010 ediert sowie ein Essay-Band „Der letzte Leser“. 2010.
Ricardo Piglia ist am 6.1.2017 in Buenos Aires verstorben.

Titel:

Munk
Ins Weiße zielen
Der Goldschmied
Der letzte Leser