Gerchunoff, Alberto: Jüdische Gauchos



Gerchunoff GauchosGerchunoff, Alberto: Jüdische Gauchos
Herausgegeben von Liliana Ruth Feierstein. Mit einem Gespräch von Jorge Luis Borges.
Aus dem argentinischen Spanisch von Stefan Degenkolbe.
Berlin: Hentrich und Hentrich, 2010. Jüdische Spuren. 191 S., englbr., 17,90 €.
978-3-942271-08-0
Die hier versammelten Erzählungen erschienen ab 1908 in der Tageszeitung La Nación in Buenos Aires. Gerchunoff veröffentlichte sie aus Anlaß des 100. Jahrestages der Unabhängigkeit Argentiniens in Buchform (und 100 Jahre später liegen sie nun endlich in deutscher Übersetzung vor). Es war die Geburtsstunde der spanisch-jüdischen Literatur in Südamerika. In einer zweiten veränderten und um zwei Erzählungen erweiterten Auflage, die 1937 erschien, trug er den veränderten historischen Bedingungen Rechnung. Zu diesem Zeitpunkt hatte Argentinien sein erstes Progrom erlebt und in Deutschland waren die Nationalsozialisten an die Macht gekommen. Die Beschreibung eines nur einfachen und friedlichen Lebens in den neuen jüdischen Siedlungen entsprach nicht mehr der Wirklichkeit. War die Immigration nach Argentinien, die durch die Progrome im zaristischen Rußland ausgelöst wurden auch verbunden mit einer Rückbesinnung auf die historische Lebensform als Bauern und Argentinien zu diesem Zeitpunkt sozusagen der Ersatz für das erstrebte Gelobte Land, so zog es schon die nachkommenden Einwanderer nicht nur mehr aufs Land, sondern sie suchten sich in den großen Städten eine neue Perspektive.
Die vorliegende Übersetzung beruht auf der Ausgabe von 1937 und schildert das Leben in den Dörfern und auf den Höfen der Einwanderer in den ersten Jahren der Besiedlung in Entre Rios. Sehr liebevoll sind agierenden Personen gezeichnet, ihre schwere und noch ungewohnte Arbeit auf dem Feld, die Begegnung mit den Einheimischen, ihre Liebschaften und ihre Feste. Und ist keineswegs nur die Beschreibung einer dörflichen Idylle, wenn vom Überfall der Heuschrecken berichtet wird oder wenn der Tod Einzug hielt auf den Höfen.
Das einleitende Vorwort von Liliana Ruth Feierstein bietet den Lesern einige Hintergrundinformationen und ist unverzichtbar für das Verständnis vieler Aspekte der jüdischen Kultur in Argentinien.
Jorge Luis Borges, der mit dem Begriff der „jüdischen Gauchos“ überhaupt nicht einverstanden war, lobte bei Gerchunoff vor allem dessen Weisheit und seinen Humor; beides werden wir Leser von heute auch in diesem liebevoll gemachten Bändchen mit seinen Erzählungen entdecken.
Klaus Küpper, BzL

Stefan Degenkolbe, geboren 1971, lebt und arbeitet als freier Übersetzer aus dem Spanischen und lateinamerikanischen Spanisch in Berlin. 2010 erschien seine Übersetzung „Jüdische Gauchos“ von Alberto Gerchunoff aus Argentinien; 2012 seine Übersetzung „Die dunkle Gasse“ von Susana Gertopán aus Paraguay.

Liliana Ruth Feierstein ist in Argentinien geboren. Sie hat Erziehungswissenschaften an der Universidad de Buenos Aires studiert. 2007 promovierte sie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf im Fachbereich Philosophie. Ihre Forschungsschwerpunkte sind jüdische Kultur, Geschichte und Literatur in romanischsprachigen Ländern (v.a. Lateinamerika) sowie Theorien der Diaspora. Seit Oktober 2014 ist sie Juniorprofessorin für die transkulturelle Geschichte des Judentums am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin.

Der Autor:

GERCHUNOFF FOTO WILENSKY Alberto Gerchunoff wurde am 1.1.1883 Proskurow in der heutigen Ukraine geboren.
Er gehörte als 6jähriges Kind zu den ersten jüdischen Einwandereren aus Rußland, die auf Initiative von Baron Hirsch in Argentinien eine Landwirtschaftskolonie gründeten.
Gerchunoff war Autodidakt und arbeitete in verschiedenen Berufen bevor er zu einer zentralen Figur der argentinischen Intellektuellen wurde. Er gilt als der Vater der jüdisch-argentinischen Literatur. 
Gerchunoff starb am 2.3.1950 in Buenos Aires.
(Foto: © Osias Wilensky)

Titel:

Jüdische Gauchos