Stefanoni, Andrea: Die erinnerte Insel

Stefanoni InselStefanoni, Andrea: Die erinnerte Insel
Roman. Aus dem argentinischen Spanisch von Birgit Weilguny.
Wien: septime, 2016. 251 S., geb., SU, 22,90 €.
O: La abuela civil española. 2014.
978-3-902711-51-9

Die Geschichte beginnt, als Consuelo 12 Jahre alt ist. Sie lebt in dem kleinen Bergdorf Boeza in der spanischen Provinz León und hütet mit ein paar Gleichaltrigen die Schafherden des Dorfes. Die Kohlegrube ist die einzige Arbeitsmöglichkeit für die Dorfbewohner, sie bestimmt ihr Leben. Als ihr Vater wieder heiratet, beginnt für Consuelo eine wahre Leidenszeit. Ihre Stiefmutter beschuldigt sie zu Unrecht bei dem hilflosen und schwachen Vater, der ihr keinen Schutz gibt. Nur die Schule bietet Consuela trotz ständigem Prügel und angeordneter Pflicht zur Denunziation Halt vor der häuslichen Willkür. Mit 15 Jahren muss Consuelo in der Kohlengrube arbeiten ohne dass der Terror der Stiefmutter ein Ende findet.
Rogelio Molinero war gerade nach dem abgeleisteten Militärdienst nach Boeza zurückgekommen, als sein Freund Felipe ihn auch schon für die Falange gewinnen will. Er stimmt scheinbar zu und als nach einigen Tagen der Bürgerkrieg ausbricht, erhält er die geforderten Waffen. Allerdings bringt er sie nicht zu den Rebellen, sondern zu den Verteidigern der Republik. Felipe wird für diesen Verrat verantwortlich gemacht und wird schließlich zum Denunzianten an seinen Leidensgenossen in der Strafkompanie.
Nach Ende des Bürgerkriegs flieht Rogelio, wird gefangengenommen, zum Tode verurteilt und übersteht drei Scheinhinrichtungen. Unter merkwürdigen Umständen erhält unverhofft seine Freiheit wieder und geht zurück in sein Dorf. Hier findet er Arbeit in der Kohlengrube. Und dort begegnen sich Consuelo und Rogelio. Er war 32, sie 19, als sie heiraten. Bald wird ihre Tochter Elvira geboren.
Felipe hat unter Fanco Karriere gemacht. Seine Rache hat er nicht vergessen und als Rogelio erfährt, dass sein eigener Bruder Felipe über seine Heimkehr informiert hat, verliert er keine Zeit: die Familie emigriert nach Argentinien.
Relativ schnell erhalten sie Arbeit in Buenos Aires und werden Verwalter auf einer der Inseln im Tigre-Delta. Sie finden bald Freunde bei den hilfsbereiten Nachbarn, Elvira bekommt einen Bruder und die Familie kann sich schließlich eine kleine Insel im Delta kaufen. Rogelio hat Erfolg mit seiner Bienenzucht und für alle beginnt eine glückliche Zeit. Doch die Idylle droht zu zerbrechen als Elvira von einem befreundeten Nachbarn vergewaltigt wird. Mit der  Schilderung von Elviras Heirat und der Geburt der Enkel Pablo und Sofia endet das zweite Kapitel des Romans.
Aus der Sicht der Enkelin Sofia wird im letzten Teil vom Tod ihres Großvaters berichtet, der sich bis zu seinem Tod vor der Rache Felipes gefürchtet hatte. Die Mutter Elvira stirbt und Consuelo, die jetzt fast 90 Jahre alt und etwas dement ist, lebt wieder in Buenos Aires.
Die „erinnerte Insel“ des deutschen Titels bezieht sich auf die glückliche Zeit von Consuelo, die sie mit ihrem Mann und den Kindern im Tigre-Delta verbracht hat.
Der weitaus größere und eindruckvollere Teil der Erinnerungen aber bezieht sich auf die Zeit in Spanien – vor, während und nach dem Bürgerkrieg. Diese Geschichte wird von der Autorin in kurzen knappen Sätzen scheinbar völlig teilnahmslos und distanziert berichtet, die die bittere der Armut in den Bergen Leóns und den Terror der Falange während und nach dem spanischen Bürgerkrieg adäquat zum Ausdruck bringen. Der Autorin ist ein eindruckvolles Zeugnis aus einer dunklen Zeit und zugleich ein liebevolles Denkmal für die Generation ihrer Großeltern gelungen. Unbedingt lesen!
Klaus Küpper, BzL

Birgit Weilguny wurde 1980 in Wien geboren und hat in ihrer Geburtsstadt Übersetzen (Deutsch/Spanisch/Englisch) und der Literaturwissenschaft studiert. Sie übersetzt technische und literarische Texte und ist Autorin von Erzählungen, Gedichten und Theatertexten. Neben einigen spanischen Autorinnen und Autoren hat sie Texte von Luisa Valenzuela (Arg.) und Eduardo Labarca (Chile) übersetzt. Sie hat an verschiedenen an literarischen Projekten (u.a. am IV. Festival Lateinamerikanischer Poesie in Wien 2007) und Workshops mitgewirkt.

Die Autorin:

Andrea Stefanoni wurde 1976 in Buenos Aires geboren. Sie veröffentlichte journalistische Beiträge in Zeitschriften und Kulturmagazinen. 2009 gründete sie den Verlag Factotum ediciones, den sie seither leitet. 2012 veröffentlichte sie gemeinsam mit Luis Mey den Roman Tiene que ver con la furia. Ihr erster Roman La abuela civil española wurde in Argentinien rasch zum Bestseller

Titel:

Die erinnerte Insel