[Argentinien] Mit den Augen in der Hand


Pfeiffer Augen HandRPfeiffer, Erna (Hg.): Mit den Augen in der Hand
Argentinische Jüdinnen und Juden erzählen.
Herausgegeben und übersetzt von Erna Pfeiffer. Mit einer Einleitung von Saúl Sosnowski, Leonardo Senkman und Florinda F. Goldberg sowie einem Nachwort von Elisabeth Baldauf.
Wien: Mandelbaum Verlag 2014. 265 S., englbr., 24.90 €.
978-3-85476-446-5

In Argentinien, vor allem im Großraum Buenos Aires existiert die größte jüdische Gemeinschaft Lateinamerikas. Die ersten jüdischen Einwanderer nach Argentinien reisten vielleicht schon im Gefolge der ersten Eroberer, die sich im späten 16. Jahrhundert in der La Plata-Region festsetzten. Danach kamen die sogenannten Marranen, zwangsgetaufte Juden, die vor der Inquisition in Spanien, Portugal und Holland flüchteten. Eine weitere Welle von jüdischen Migranten erreichte Argentinien nach der Unabhängigkeit und zum Ende des 19. Jahrhunderts. Die vor allem aus dem Gebiet des damaligen russischen Zarenreichs vor den dortigen Progromen fliehenden und mit besonderen Programmen in Argentinien geförderteten Einwanderer siedelten sich vor allem in den Provinzen Buenos Aires, Santa Fe und Entre Ríos an.
Die weitere Entwicklung und die damit verbundenen Probleme wie Exil und Diaspora werden in einem Aufsatz zu Beginn der vorliegenden Arbeit ausführlich dargestellt und bilden eine unverzichtbare Voraussetzung zum Verständnis sowohl der Lebensläufe der Autorinnen und Autoren als auch der ausgewählten Texte.
Erna Pfeiffer hat die 17 literarischen Zeugnisse jüdischen Lebens in Argentinien in fünf Gruppen thematisch gegliedert. Sie stellt uns Autorinnen und Autoren mit sehr unterschiedlichen Lebensläufen und Schicksalen der Jahrgänge 1933 bis 1977 vor. Dazu gehören Kurzbiographien und bibliographische Angaben (auch der vorhandenen deutschen Übersetzungen), ein kurzes Interview und ein Stück Prosa, meist ein Romanauszug (bei Diana Raznovich ist es ein Ausschnitt aus einem Theaterstück). Bei den von der Herausgeberin ausgewählten und übersetzten Texten handelt es sich ausschließlich um deutsche Erstveröffentlichungen. Inhaltlich behandeln die Zeugnisse Themen wie Exil, Reise, Flucht, Religion, Familie, Tradition, jüdisches Leben, Shoa, Identität, Erinnerung u.a.m.
In einem abschließenden Aufsatz erläutert Elisabeth Baldauf anhand des sehr komplexen Begriffs „Zugehörigkeit“, eine Thema, das in den ausgewählten Texten besonders häufig vorkommt, die Bedeutung von „zu Hause sein“, d.h. Mitglied einer (politischen, weltanschaulichen, reliösen) Gemeinschaft zu sein. Sie behandelt hier vor allem den Begriff in Bezug auf die emotionale Zugehörigkeit (im Unterschied zur formalen, meist zugeschriebenen Zugehörigkeit, die auch lebensgefährlich sein kann), die sie als „grundlegendes, starkes Bedürfnis“ beschreibt, das dem menschlichen Wesen die Überlebenschancen erhöht, Geborgenheit erfahren lässt, Selbstverwirklichung befördert und Orientierung bietet.
Von den Autorinnen und Autoren Sergio Chejfec (*1956), Alicia Dujovne Ortitz (*1939), Manuela Fingueret 1945-2013), Luisa Futoransky (*1939), Mario Goloboff (*1939), Alicia Kozameh (*1953, Liliana Lukin (*1951), Andrés Neumann (*1977), Diana Raznovich (*1945), Reina Roffé (*1951), Sara Rosenberg (*1954), Ana María Shua (*1951), Alicia Steimberg (1933-2012) und Susana Szwarc (*1952) liegen bis heute zahlreiche ins Deutsche übersetzte Romane, Prosaarbeiten und dramatische Texte vor.
Mario Satz (*1944), Perla Suez (*1947) und Mario Szichman (*1945) sind in dieser Anthologie erstmals mit ihren Texten im deutschen Sprachraum vertreten.
Eine vorbildliche Anthologie, die keine Wünsche offen lässt und die man/frau sich mit diesen grundlegenden Aufsätzen auch für andere länder- oder themenspezifischen Sammlungen wünscht.
Klaus Küpper, BzL

Elisabeth Baldauf, geboren 1982 in Kirchdorf an der Krems, hat Spanisch, Englisch und Pädagogik in Graz und Guadalajara studiert.
Florinda Friedmann Goldberg, geboren 1943 in Buenos Aires, ist Dozentin für Lateinamerikanische Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Ihre Hauptforschungsgebiete sind u. a. Exil und politische Unterdrückung im Cono Sur.
Erna Pfeiffer wurde 1953 in Graz geboren. Nach einem Übersetzerstudium absolvierte sie ein Doktorat aus Romanistik und Slawistik an der Universität Graz sowie Postgraduate-Studien am Instituto Caro y Cuervo in Bogotá, an der Hochschule St. Gallen und am Colegio de México. Seit 1996 ist sie Außerordentliche Universitätsprofessorin am Institut für Romanistik der Karl-Franzens-Universität Graz. Als literarische Übersetzerin hat sie seit 1988 zahlreiche Werke spanischer und lateinamerikanischer Autoren und Autorinnen ins Deutsche übertragen – u. a. Werke von Benito Pérez Galdós, Migueel de Unamuno, Alicia Kozameh, Carmen Boullosa und Luisa Valenzuela.
Sie ist Autorin literaturwissenschaftlicher Werke und Herausgeberin zahlreicher Anthologien mit übersetzten Zeugnissen lateinamerikanischer Literatur.
Leonardo Senkman Paraná, geboren 1941 in Entre Ríos, war bis zur seiner Emigration nach Israel im Jahre 1984 Dozent an der Universität in Buenos Aires. Er ist Autor zahlreicher Artikel über jüdisch-lateinamerikanische Literatur.
Saul Sosnwski, geboren 1945 in Buenos Aires, ist Professor für Lateinamerikanische Literatur an der University of Maryland. Er hat zahlreiche Bücher und Artikel in Fachzeitschriften u.a. über die kulturelle Unterdrückung in den Diktaturen Südamerikas veröffentlicht.