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Parra NicanorNicanor Parra gestorben
Von den großen Feullitons der deutschen Presse unbemerkt, verstarb am 23. Januar dieses Jahres in Las Cruces/Chile der Dichter und Begründer der Antipoesie Nicanor Parra im Alter von 103 Jahren.
 
Nicanor Parra Sandoval wurde am 5. September 1914 in San Fabián de Alico bei Chillán geboren. In Santiago studierte er Naturwissenschaften und arbeitete als Lehrer für Physik und Mathematik an seiner Schule in Chillán, die er einst als Schüler besucht hatte. 1937 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband, durch den Gabriela Mistral auf ihn aufmerksam wurde. Er distanzierte sich später von dieser Arbeit und veröffentlichte erst 1954 sein nächstes Werk, Poemas y antipoemas, eine Arbeit, die einen Bruch mit dem damaligen Kanon der chilenischen und lateinamerikanischen Literaturgeschichte bedeutete.
Parra verstand seine Gedichte auch als Antwort auf Werke von Neruda und Huidobro. Die Form seiner Gedichte steht in bewußtem Gegensatz zu der feierlichen und erhabenen Lyrik Pablo Nerudas, dem er die Überbetonung der Rhetorik und eine elitäre Distanz zur sozialen Wirklichkeit vorwirft. „Wichtigstes Kennzeichen der Antipoesie sind dagegen die Klarheit (claridad) in Sprache und Aufbau, eine Übernahme der Syntax der Alltagssprache, die Aufnahme volkstümlicher Elemente wie Lieder, Sprichwörter usw.“. (Kindlers Neues Literatur Lexikon) Parra „greift auf traditionelle Metren zurück, handhabt dieselben jedoch mit einer überlegten Distanz, durch die ihre ästhetische Funktion bewußt und diese einer auf äußerste Präzision und Wirksamkeit bedachten Sprache dienstbar gemacht wird.“ (Reichardt, 1992)
Er parodiert mit bitteren Spott die gesellschaftlichen Verhältnisse, ohne deshalb einem politischen Lager anzugehören. Er blieb auch nach dem Putsch der Militärs 1973 im Land und behielt seine Stelle an der Universität von Santiago, nicht ohne sich kritisch zu den neuen Machtverhältnissen zu äußern, die er aber als ein weltweites System der Unterdrückung begriff und das letztlich auch für die Zerstörung der Umwelt verantwortlich ist.
Nicanor Parra gehört mit Gabriele Mistral, Vicente Huidobro und Pablo Neruda zu den großen Dichtern Chiles. Er erhielt zahlreiche Preise, zuletzt 2011 den begehrten Premio Cervantes. Zahlreiche ins Deutsche übersetzte Gedichte erschienen in Zeitschriften und Anthologien. Eine erste Sammlung erschien 1975, erweitert 1986, unter dem Titel „Und Chile ist eine Wüste“. 2016 wurde eine kleine übersetzte Auswahl unter dem Titel „Parra Poesie“ publiziert, aus dem das folgende – im übrigen mehrfach übersetzte – Gedicht „Achterbahn“ stammt (Übersetzung von Ingolf Brökel).
 
Ein halbes Jahrhundert
War die Poesie
Das Paradies für feierliche Narren
Bis ich kam
Mit meiner Achterbahn.
Steigen Sie ruhig ein.
Ich halte den Kopf nicht hin wenn Sie danach
Aus Mund und Nase bluten.
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