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Der große chilenische Dichter Nicanor Parra hat am 5. September 2014 seinen einhundertsten Geburtstag gefeiert.
 
Geboren wurde er 1914 in San Fabián de Alico bei Chillán. In Santiago studierte er Naturwissenschaften und arbeitete als Lehrer für Physik und Mathematik an seiner Schule in Chillán, die er einst als Schüler besucht hatte.
1937 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband, mit dem er die Aufmerksamkeit von Gabriele Mistral gewann. Er distanzierte sich später von dieser Arbeit und veröffentlichte erst 1954 sein nächstes Werk, Poemas y antipoemas, eine Lyriksammlung, die einen Bruch mit dem damaligen Kanon der chilenischen und lateinamerikanischen Parra MercurioLiteraturgeschichte bedeutete. Parra verstand seine Gedichte auch als Antwort auf Werke von Neruda und Huidobro. „Er greift auf traditionelle Metren zurück, handhabt dieselben jedoch mit einer überlegten Distanz, durch die ihre ästhetische Funktion bewußt und diese einer auf äußerste Präzision und Wirksamkeit bedachten Sprache dienstbar gemacht wird." (Reichardt, 1992) Er parodiert mit bitteren Spott die gesellschaftlichen Verhältnisse, ohne deshalb einem politischen Lager anzugehören. Er blieb auch nach dem Putsch der Militärs 1973 im Land und behielt seine Stelle an der Universität von Santiago, nicht ohne sich kritisch zu den neuen Machtverhältnissen zu äußern, die er aber als ein weltweites System der Unterdrückung begriff und die er letztlich auch für die Zerstörung der Umwelt verantwortlich machte.

Nicanor Parra gehört mit Gabriele Mistral, Vicente Huidobro und Pablo Neruda zu den großen Dichtern Chiles. Er erhielt zahlreiche Preise, zuletzt 2011 den begehrten Premio Cervantes.

Wer im deutschen Sprachraum seine von ihm so genannte „Antipoesie" kennenlernen will, muß leider in den Antiquariaten suchen. Die erste Sammlung erschien 1975 unter dem Titel „Und Chile ist eine Wüste"; die spätere Taschenbuchausgabe von 1986 ist eine um die nach 1975 entstandenen Gedichte erweitere Fassung mit dem gleichen Titel. Zahlreiche Gedichte erschienen darüberhinaus in Anthologien und Zeitschriften. 

(Photo: © El Mercurio, Santiago de Chile, 4.12.2011)